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Preview Februar

Es schallt Oh und Ah, der Messias ist da. Ja, ihr hört richtig, ich bin wieder in Allemagne zur Zeit. Ein Monat Semesterferien, bis in Kakanien wieder regiert werden muss. Und zu was für einen Monat ich zurückkehre! Oscarfilme, Festivalhighlights, Liebe, Krieg und Bodenbelag. Hach! Zwei Mankos: Zum einen bin ich den halben Monat über auf der Berlinale und ihr müsst euch selbstorganisieren, zum andern hab ich die Hälfte der Titel schon geguckt. Upps. Aber so kann ich euch umso besser informieren:

Den ersten Film habe nicht nur ich schon auf der Viennale gesehen, Jasmin hat ihn in einer Scala-Spezial-Testvorführung gesehen. »Green Border« ist nämlich ein Film mit viel Diskussionspotential, nicht nur bei Scala-Ommis: Die polnische Altmeisterin Agnieszka Holland geht für ihren neuen Film an die Grenze ihrer Heimat, genauer zu der bei Belarus. Diese dichtbewaldete Region ist ein geopolitischer Schlüsselpunkt, denn dort ist für viele Flüchtlinge jener Breitengrad, der sie nach Europa bringt. Gleichwohl nutzt Diktator Lukaschenko das Nadelöhr für seinen ideologisches Ringen mit der EU. Umgekehrt hat aber auch Polen auf der anderen Grenzseite keine besonders offene und tolerante Politik. So werden die orientierungslosen Migranten durch Büsche, Sümpfe und Stacheldraht geschoben, der Gunst von Grenzsoldaten und humanitären Freiwilligen ausgeliefert. In Venedig ausgezeichnet erzählt das Drama in grimmigem Schwarz-Weiß gleich mehrere Perspektiven, die sich an jener grünen Grenze treffen. Ein Film, der sehr menschlich nah ist, aber schwer wie Blei im Magen liegt. Seine Aktualität und Relevanz markieren sich aber schon daran, dass Polen sich offiziell schon bei der Biennale vom Film distanzierte und die Regisseurin als Nazi beschimpfte. Alleine schon deswegen sollte man mit dem Kinogang Stellung beziehen. Dicke Empfehlung auch von einer geplätteten Jasmin.

Lieber ein bisschen Komfort? Farben? Genießen? Dann hab ich was für euch! Der Vietnamese Trần Anh Hùng ist nach Frankreich gegangen, um dort das zu zelebrieren, was wir im ostasiatischen Kino lieben gelernt haben: Essen. »Geliebte Köchin« erzählt die Geschichte eines Meisterkochs namens Dodin im Frankreich des ausgehenden 19. Jahrhundert, der die hohe Gesellschaft mit seinen Kreationen stetig verzückt. Ihn verzückt aber noch mehr seine Helferin, die schöne, aber vor allem nicht weniger meisterliche Eugénie. Sie liebt es, mit ihm zu kochen und zu leben, lehnt aber seine Verlobungswerbungen galant, aber beharrlich ab. Doch versucht Dodin seine romantische Passion durch seine kulinarische Passion zu artikulieren. Gerade als Eugénie krank wird. Der Film wurde letztes Jahr für vier goldene Schnecken nominiert, einschließlich Beste Regie und Bester Hauptdarsteller, und konnte den Preis für die Beste Kamera mühelos gewinnen. Köstlichst zelebriert der Film die feine Küche, das Dampfen der Töpfe, das Fließen der Saucen, das feine Drappieren und Garnieren. Hochkarätig mit dem echten Paar Benoît Magimel (»Die Klavierspielerin«, »Incredible but True«, »La Haine«) und Juliette Binoche (»High Life«, »Drei Farben: Blau« »Caché«) ist »Geliebte Köchin« nicht nur ein Augenschmauß, sondern auch eine der intimsten Liebesgeschichten des Jahres. Näheres hier.

Eine etwas aufreibender Liebesgeschichte bekommt ihr in »All Of Us Strangers«. Andrew Haigh ist die vielleicht aufregendste Stimme de New British Queer Cinemas und festigt hiermit seinen Status an der Spitze. Andrew Scott (»Sherlock«, »Fleabag« »1917«) spielt einen einsamen, wohlhabenden Homosexuellen, der in einem Hochhausloft am Rande Londons wohnt. Nur ist das Gebäude völlig leer bis auf ihn. Und Paul Mescal (»Aftersun«, »Normal People« »Foe«). Doch kann sich Scotts Figur nicht richtig auf den jungen, ebenfalls einsamen und vor allem ebenfalls schwulen Nachbarn einlassen. Erst muss er etwas klären, mit seinen Eltern. Jedoch mit denen in seinem Alter, jenen seiner Kindheit. So entspinnt sich ein buchstäblich fantastisches Liebes- und Familiendrama, was eigentlich nur aus vier Personen besteht. Das brillante Ensemble bekam eine der vier Nominierungen bei den Goldenen Schnecken, wo der Schnitt die Trophäe auch abholen konnte. »All Of Us Strangers« reißt einen in einen Fiebertraum, der quer gegen alle Regeln der Zeit rauscht, wirft einen in verzerrte Albträume, tranceartige Clubs und intimste Bettszenen. Ich hatte nicht nur wegen dem Fieberschüben an dem Tag bei der Viennale Tränen in den Augen. Kritiker und Publikum bei ihren Höchstwertung wohl auch. Würde spontan einen Top 10 Slot in der Jahresliste vermuten.

Nicht in Wien, dafür vor fast genau einem Jahr in Berlin habe ich »Reality« geguckt. Der Titel spielt nur zur Hälfte auf die Wirklichkeit um uns herum an, zur anderen auf den tatsächlichen Namen einer Frau, die dafür sorgen wollte, dass wir diese Wirklichkeit anders wahrnehmen. Denn Reality Winner (was für ein Name) hat nicht nur einen Nausicaä-Magneten am Kühlschrank, sondern auch den Geheimdienst vor der Tür. Zwei Agenten wollen sie nämlich einmal ganz ungezwungen dazu befragen, ob sie etwas über Geheimdokumente weiß, die aus ihrem Büro verschwunden sind. Es entspinnt sich ein immer engeres, beklemmendes Kammerspiel, dessen messerscharf Dialoge tatsächlich samt und sonders so gesagt wurden. Regisseurin Tina Satter hat nämlich die Originalprotokolle erst für ihr Theaterstück, auf den nun der Film basiert, adaptiert, was ihrem paranoiden Psychodrama einen geradezu vibrierenden realen Terror verleiht. Extrem intensiver kleiner Film über Mut und Whistleblowertum, gerade auch sehenswert für die, die überprüfen wollen, ob »Euphoria«-Star Sydney Sweeney mehr als ihre letzte Netflix-RomCom »Anyone But You« kann. Näheres hier.

Ein anderer sich beweisender Serienstar ist diesen Monat Rhea Seehorn (»Better Call Saul«). Sie spielt nämlich in »Linoleum« mit. Dort erfüllt sich ein gescheiterter Kinder-Wissenschafts-Show-Host seinen Kindheitstraum und baut sich eine Rakete in der Garage. Soweit, so LB. Doch langsam beginnt sich die Realität um den bebrillten Bastler zu zersetzen und es entspinnt sich ein angenehm schräger Film voller Hoffnung, Humor, Tränen, Träume und und und plus eben unsere Emmy-beraubte Lieblingsanwältin. Je weniger man weiß, desto besser vermutlich. Und dann bis zur Unendlichkeit und viel weiter.

Vor den beiden dicken Dingern noch ein weiterer kleiner Streifen, den uns MUBI auf die Leinwände bringt: »Los Colonos« ist ein chilenisches Neowestern-Abenteuer, in den drei Reiter das weiter Land vermessen sollen. Zwischen den malerischen Panoramen Patagoniens und des Atlantiks brütet der Film ruhig und markerschütternd über dem nationalen (wenn nicht gar kontinentalen) Trauma von Kolonialismus, Rassismus und Kapitalismus, wobei der Ausritt unerwartet blutig wird. Man sollte sich vielleicht warm anziehen und nochmal die Aufmerksamkeit mit ein paar Mates wecken, doch dann wartet bei diesem kleinen Release vielleicht einer der unerwarteten großen Filme des Monats. “A Chilean ‘Killers of the Flower Moon’ Companion Piece”, wie es in IndieWire heißt.

Der erwartbarste große Film des Monats spielt jedoch nicht am Rande der uns bekannten Welt, sondern im Zentrum einer uns fremden Galaxis. Drei Jahre haben wir gewartet, eine Verschiebung durch den Streik, jetzt ist er endlich da »Dune: Part II«. Jetzt wird es ernst auf dem Wüstenplaneten, denn die Sandvölker haben ihren wurmreitenden Messias, der gegen den Imperator und seine finsteren Günstlinge ins Feld zieht.Zum großen Cast vom letzten mal gibt es jetzt als Bonus unter anderem noch Christopher Walken, Austin Butler, Florence Pugh und meine angebetete Léa Seydoux. Ich glaube, wer den sehen will, weiß das schon seit drei Jahre und mehr. Wahrscheinlich und hoffentlich eines der großen JFK-Events des Jahres.

Das Beste kommt aber zum Schluss: Seit zehn Jahren warte ich nun auf »The Zone of Interest«, den neuen Film vom großen Visionär des Gegenwartskinos Jonathan Glazer (»Under the Skin«, »Sexy Beast«). Als er sagte, er würde Auschwitz zum Protagonisten machen, war ich unsicher, was ich mir vorstellen soll. Aber laut den Kritikern ist er wie erhofft jetzt schon eines der integralen Meisterwerke des Jahrhunderts. Denn Auschwitz ist hier ein besonderer Protagonist, da es unsichtbar ist. Erzählt wird nämlich die Geschichte des Konzentrationslagerkommandanten nebenan. Wie lebt sich ein Alltag Tür an Tür mit einer Todesmaschine? Kann man sie ausblenden? Was macht das mit einem Menschen? Dem geht Glazer mit seinen Hauptdarstellern Christian Friedel (»Das weiße Band«) und Sandra Hüller (»Anatomie eines Falls«, »Toni Erdmann«) sowie seiner brillanten Stamm-Komponistin Mica Levi (»Under the Skin«, »Monos«) auf den Grund. Traut euch und sei es nur um meiner Willen. Diesen Film hatte ich seit der Gründung der Gruppe im Kopf.

Was für ein Monat. Wenn da nicht jeder mindestens einen, nein: mindestens zwei Titel guckt, dann werden wir dem F in unserem Namen nicht gerecht. Also drückt F und zollt Respekt und erinnert euch in diesem klammen Frühjahrsmonat, warum ihr einem Kinoklub beigetreten seid. Und sei es nur, damit ihr mich mal wieder in Person anspucken könnt, was für einen artsy-arroganten Angeber-Geschmack habe. Das könnt ihr euch nicht entgehen lassen.

Von der Schiene

Euer Gottkaisermessias

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Preview Januar

Bei den guten Vorsätzen für 2024 schrieben die allermeisten JFK-Mitglieder, dass sie unbedingt bei mir Kino-Versammlungen teilnehmen wollen. Wohl an, dann mal ran an den Speck, das Jahr ist eröffnet. Wie viele Liste wollt ihr dieses Jahr auf eure Liste schaffen? Und welche dürfen nicht fehlen?

Bei hoffentlich niemandem wird das neue Kunstwerk aus dem Hause Ghibli fehlen. »Der Junge und der Kranich« ist sicher nicht nur einer der Top-Titel des Monats, sondern des Jahres überhaupt. Bei der Wien-Premiere rastete der Saal schon beim Logo aus. Es folgt eine märchenhafte Fabel zwischen Kriegstrauma und Zaubertürmen, in die sich ein kleiner Junge flüchtet. Denn ein blauer Kranich neckt und lockt ihn. Was ihn erwartet ist wieder so magisch, bunt und kreativ wie »Chihiro«, doch nicht bloß mehr vom gleichen. Der Meister Miyazaki raffiniert es weiter mit europäischer Kunst und Kultur von Impressionisten bis Mussolini, jedoch nur um noch tiefer in die Seele seiner japanischen Heimat einzudringen. Verdientermaßen ausgezeichnet mit der Goldenen Schnecke für den Besten Animationsfilm 2024. (Spoilerfreier) Viennale Ersteindruck hier.

Nicht ausgezeichnet wurde »Priscilla« bei den Schnecken, dafür bei den Löwen in Venedig. Sofia Coppola (»Lost in Translation«, »On the Rocks«, »The Virgin Suicides«) nimmt sich den King of Rock’n’Roll vor, nur eben aus der Perspektive seiner kindlichen Geliebten. So verquickt sie das Star-Porträt von Aufstieg und Fall mit einer Coming-of-Age-Romanze, die träumerisch wie abgründig ist. In prachtvollen Bildern geht Coppola damit mitten ins modrige Herz des ur-amerikanischen Elvis-Mythos. Und mit Cailee Spaeny und Jacob Elordi betreten damit zwei neue Sterne am Hollywoodhimmel das Parkett. Nicht Coppolas bester Film für meinen Geschmack, aber erneut eine sublime Analyse von Zwischenzeiten und Zwischenräumen auf dem Weg vom anhänglichen Mädchen zur eigenständigen Frau.

Noch kräftiger feministisch wird es nach ihrem MeToo-Thriller »The Assistant« erneut bei Kitty Green. Für »The Royal Hotel« schickt sie Julia Garner und Jessica Henwick in die australische Wüste, wo sie in einer Bar arbeiten sollen. Doch erweist sich das Klima in der Bergarbeiter-Domäne als ziemlich grimmig. Und im Outback hört dich keiner schreien. Ein Festival-Geheimtipp, der vor allem für seine energetischen Hauptdarstellerinnen gefeiert wurde. Endlich mal wieder gutes Indie-Thrillerkino mit starken Frauen für starke Frauen (und Herren) mit starken Nerven.

Noch mehr Frauen gibt es bei der Tunesierin Kaouther Ben Hania. Bislang konnte mich die gefeierte, oscarnominierte Regisseurin zwar so gar nicht überzeugen, doch möchte ich euch nicht ihren neuen Film »Olfas Töchter« vorenthalten. Zumal dieser Dokumentarfilm einen überaus originellen Ansatz hat: Aus einer Familie verschwinden zwei von vier Töchtern. Mutter Olfa bekommt sie jedoch wieder. Nur anders als gedacht: Denn zwei Schauspielerinnen schlüpfen in die Rollen. »The Rehearsal« auf Arabisch, das klingt schon verdammt interessant.

Noch interessanter ist aber die wohl stärkste Frau diesen Monat: Mit ihrer finstren Barbie Bella Baxter steht Emma Stone (»The Favourite«, »La La Land«, »Birdman«) ganz vorne im Oscar-Rennen. Und sie gibt wirklich alles, mit jeder Muskelfaser. Und die Rolle gibt es her: Denn Bella ist eine Art Frankenstein-Braut, erweckt von den Toten, nur mit dem Gehirn eines Fötus. So lernt sie die Welt neu kennen, vorurteilsfrei und wissbegierig. Nur ist ihr Fleisch von einer ausgewachsenen Frau nicht minder gierig als ihr infantiler Verstand. Und das überfordert auch die abgebrühtesten Chirurgen und Casanova um sie herum. Der neue Film von Yorgos Lanthimos (»The Killing of a Sacred Deer«, »The Lobster«, »The Favourite«) hat nicht nur das Festival von Venedig gewonnen, sondern auch bei den Goldenen Schnecken, wo die abstruse Komödie stolze vier Trophäen nach Hause tragen konnte. Die schönste Schnecken davon bekam Mark Ruffalo (»Avengers«, »Spotlight«, »Dark Waters«), der hier Kens abgewichsten Rammel-Cousin spielt. Doch egal ob Kostüm, Kulisse oder Musik, alles an »Poor Things« ist der Wahnsinn. Was erwartet man sonst bei dem irren Griechen? (Spoilerfreier) Viennale Ersteindruck hier.

Wer weniger Sex, aber dennoch sexy Menschen sehen will, der kann auf Prime vielleicht mit »Foe« beglückt werden. Garth Davis schickt Saoirse Ronan und Paul Mescal in eine Sci-Fi-Dystopie, wo sie auf einem kleine Stück Land ein eher hoffnungsloses Dasein in den letzten Stunden der Menschheit fristen. Doch da klopft ein Angebot an ihrer Tür für ein neues Leben, das jedoch nicht beide anlächelt. »Foe« bekam leider sehr gemischte Kritiken, doch ich möchte mal reinschauen. Alleine für Saoirse.

Ebenfalls aus der Kategorie Mal Reingucken, sind zwei Starts auf Netflix: Zum einen ein Anime namens »maboroshi«, wo eine explodierende Fabrik nicht nur eine Kleinstadt, sondern auch eine junge Liebe aus der ihnen bekannten Realität reißt, zum anderen noch ein Science-Fiction-Streifen namens »The Kitchen«, wo Daniel Kaluuya dystopische Gentrizifierung im London von 2044 inszeniert. Gab bislang wenig Reaktionen zu beiden, die aber tendenziell positiv. Wenn man schon an mehr Versammlungen teilnehmen will, dann möchte ich auch Gelegenheit dazu geben.

Nach dem »Barbie«-Jahr fühlt es sich doch gut an, mit vielfältigen Powerfrauen ins neue Jahr zu starten, oder? Ich hoffe, der JFK wird als Antwort darauf nicht nur das Jungs-Abenteuer vom alten Japaner gucken. Doch ich hab Hoffnung in euch tapfre Krieger*innen! Macht mich stolz, macht euch stolz, macht Baumannconsulting stolz! LB bucht euch Karten für alles, wenn ihr ihn fragt. Denn Baumannconsuling is always by your side.

Noch norddeutsche Grüße

Euer JFK-President

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Preview Dezember

Vor der Fenstern des ICEs liegt Schnee. Offensichtlich wird es Winter. Um der Kälte zu entfliehen lockt es einen mehr denn je in die Kinos, jedoch ist das Programm gewohnheitsmäßig zurückgefahren im letzten Monat des Jahres. Schließlich kommen die ganze Feiertage ja immer in den Weg der Planung. Aber ein paar Geschenke liegen dennoch unterm Baum. Und schaut doch, wie hübsch und bunt sie sind!

Na gut, Schwarz ist nun nicht die allerbunteste Farbe, aber in »BlackBerry« machen ein paar weiße Jungs Dinge, die sich niemand hätte ausmalen können. Denn ein paar kanadische Nerds und ein verzweifelter Business-Hai mit Halbglatze entwickelten Ende des letzten Jahrhunderts das Smartphone. Wie »The Social Network« als abgedrehte Komödie feierte »BlackBerry« auf der Berlinale Weltpremiere und ballerte die Leute so hart weg, dass der Typ hinter mir spontan einen Krampfanfall bekam (das ist kein Scherz). Aber nachvollziehbar bei dem wohl coolsten Soundtrack-Drop und dem wildesten wie vampireskesten Zitat des Jahres. Und dann auch noch »It’s always sunny in Philadelphia«-Star Glenn Howerton. Mehr Infos von JFK-Investigativreport hier.

Einen Film den ich noch nicht, dafür aber Julia und Lua schon gesehen haben, ist »How to Have Sex«. Darin wollen ein paar britische Teenies sich durch den Sommerurlaub ihres Leben feiern, doch geht ihre Jugend ganz anders zu Ende als sie es sich erträumt hatten. Die Festivals der Welt liebten das Spielfilmdebüt und sogar Julia, die keinen Sex auf der Leinwand abkam, gab dem Film einen Daumen hoch. Elektrisierende Partys, Schweiß in der Sommernacht und ein Dämmern von Bedrohlichkeit über allem Spaß. Cheers mate!

Apropos Großbritannien: Nach seinem ausgezeichneten Florence-Pugh-Psychodrama »Lady Macbeth« von 2016 ist der Londoner Filmemacher William Oldroyd endlich wieder zurück, verlagert die Handlung aber über den Atlantik nach Neuengland, genauer in das der 1960er, noch genauer in ein Gefängnis. Dort in dieser Strafvollzugsanstalt für Jugendliche ist Eileen als Sekretärin tätig. Eine Existenz, die sie anödet. Bis die neue Erziehungsbeauftrage Rebecca auftritt und zum Zentrum von Eileens Bewusstsein wird. Die graue Maus nähert sich der glamourösen Blondine an und beide entwickeln eine enge Bindung. Doch je enger sie sich kommen, desto sinistrer werden die Geheimnisse, die zwischen den beiden Frauen hervorkriechen. Thomasin McKenzie (»Leave No Trace«, »Jojo Rabbit«) macht hier hoffentlich zumindest bei mir das »Last Night in Soho«-Debakel wett, Anne Hathaway (einst noch in »Rachel is getting married« oder »Brokeback Mountain«) etwa das letzte Jahrzehnt. Und wenn man den Kritiken glauben darf, gelingt das mit diesem kleinen surrealen, noirigen Psychothriller namens »Eileen«.

Als pendant zum furiosen Femininen jetzt was für echte Männer: Wrestling! Sean Durkin (»The Nest«, »Martha Marcy May Marlene«) hat für A24 einen Film über die Von Erich Familie namens »The Iron Claw« gedreht, deren berühmte Söhne in ebenso berühmte Tragödien verwickelt sind. Das Sport-Familiendrama ist muskulös besetzt mit Zac Efron (»High School Musical«), Jeremy Allen White (»The Bear«) und Harris Dickinson (»Triangle of Sadness«) und ist vermutlich einer der Herausforderer den A24 für die Oscars in den Ring schickt.

Das war jetzt alles ziemlich westlich, ziemlich weiß. Gehen wir doch nach Japan! Und zwar mit einem Film der bestätigt für das Land bei den Oscars eingereicht wurde. Nur ist er von einem Deutschen gedreht. Wim Wenders (»Paris, Texas«, »Der Himmel über Berlin«, »Im Lauf der Zeit«) hat zwar seit gut vierzig Jahren keinen guten Spielfilm mehr gemacht (ob er durchaus immer aktiv war), aber diesmal soll er sich endlich wieder zusammengerissen haben. Denn die Prämisse von »Perfect Days« ziemlich entspannt. Hirayama hat als Toilettenreiniger in Tokio nun eigentlich nicht das schönste Leben, doch füllt er es mit lauter kleinen Routinen. Er mag Essen, er mag Bücher und fotografiert Bäume. Wir folgen seinem Alltag und verstehen langsam aus Fragmenten seiner Vergangenheit, wie Hirayama zu diesem Alltag gekommen ist. Ein Lo-Fi-Film to study and relax. Ausgezeichnet in Cannes.

Nichts außer herausragende Kritiken hat in Cannes der neue Film von Todd Haynes (»Dark Waters«, »Carol«) bekommen. Dort geht er mit Nathalie Portman und Julianne Moore auf den Boden zweier Frauenseelen. Eine Schauspielerin besucht für die Recherchen zu einer Rolle nämlich einen alterenen weiblichen Star, der vor zwanzig Jahren in einen großen Klatschpresseskandal verwickelt war. Der verspielte, aber auch tiefschneidene »May December« kommt am 1. Dezember so ziemlich überall auf Netflix – nur in Deutschland ist er irgendwie nicht laut allen Quellen bestätigt. Wir schauen mal, was passiert…?

Während wir also noch vor dem ersten Adventskalendertürchen zittern, gibt es ansonsten ganz sicher ein reichhaltiges cinematorisches Festbankett, durch dessen feine Speisen man für jeden entfernten Verwandten an der Weihnachtstafel einen Geheimtipp in der Hinterhand hat.

Tannenduftende Grüße

Euer JFK-President

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Preview November

Grüß Gott wertes Nordvolk,

Sorry für die Verspätung der Preview. Durch die Viennale war ich voll eingespannt bis zum letzten Tropfen des vergangenen Oktobers, konnte dadurch aber schon einige Highlights für das kommende Jahr auskundschaften. Wen es interessiert: Natürlich kommen (spoilerfreie) Reviews zeitnah zu beispielsweise »Poor Things«, »Ferrari« oder »Der Junge und der Kranich« (das ist der neue Miyazaki) auf meinem Letterboxd. Stay Tuned.

Erstmal kommen jetzt aber endlich die Novemberstarts. Natürlich läuft schon seit letzten Donnerstag was im Kino, doch der Großteil kommt erst nach hinten raus mit dem Winterwind angeweht. Und was da alles angeweht kommt!

Aber was liegt denn da schon vor unseren Füßen, frisch vom Himmel gefallen: »Anatomie eines Falls« ist in den Kinos und mit ihm tatsächlich einer der großen Favoriten des Jahres. Nicht nur für mich Nieschen-Nerd, sowohl für Kritiker als auch Publikum ist der Cannes-Gewinner ein Höhepunkt von 2023. Wir reden von einer 4,2/5 auf Letterboxd und einem Meta-Score von 87/100. So sehr hat das Rätsel um den Tod eines Mannes die Leute in den Bann gezogen. Doch was ist passiert? Ist der Tote versehentlich in den Schnee gestürzt, war es ein Unfall? Oder ist es wie in den meisten Fällen die Ehefrau, also Mord? Hatte der Sohn nicht schon öfter Streit gehört? Und war da nicht eine Affäre der Gattin mit einer anderen Frau? All das und vieles mehr wird in dem Thriller enträtselt oder mitunter auch nur noch mehr verwirrt. Im Zentrum Team-Scala-Ikone Sandra Hüller (»Toni Erdmann«, »In den Gängen«), deren Leistung immer wieder als »Tár«-worthy bezeichnet wurde und ihr endgültig den Titel Queen-of-Cannes einbrachte. Eindeutig das Highlight des Monats für mich, läuft jetzt, ab rein.

Einer für mich, jetzt einer für euch: »Sympathy for the Devil«. Nicht die Stones, nicht Godard, nicht einmal Laibach. Nein, es ist Nicolas Cage. Diesmal als der Beelzebub persönlich. An den Leibhaftigen gerät ein argloser Fahrer wider Willen durch eine Schießerei. Und er wird ihn in dieser langen Nacht auch nicht mehr so schnell wieder los. Lua hat ihn schon gesehen und fand ihn eher gut als gurkig und nun hat auch der Rest der Cage-Crowd die Gelegenheit. Außerdem im Actionthriller auch noch Joel Kinnaman (»The Suicide Squad«) als Der Fahrer.

Welchen Lua noch nicht vorab gesehen hat, dafür aber ich in der Weltpremiere ist »Tótem«. Ein kleines mexikanisches Familiendrama rund um den Geburtstag eines totkranken Familienvaters, primär aber erzählt aus Sicht der Kinder. Hin und her sausend beobachtet man den langsam zu Chaos zerfallenden Mikrokosmos, zusammengehalten aber von einem lebendig-frischen Ensemble und intensivst poetischen Bildern. Einer der Highlights der Berlinale, auch hier sowohl bei Publikum als auch Kritikern mit viel Jubel willkommengeheißen.

Noch länger her ist es bei mir mit »Joyland«, wobei ich dort auch keinen analogen Applaus hören konnte, da ich ihn im Rahmen des IFFHM online gesehen hatte. Dafür eilten ihn auf Letterboxd schon die Lorbeeren als Geheimtipp des Jahres voraus. Und verdient, denn aus Pakistan bekommt man hier eine der berührendsten Liebesdramen seit langem. Doch muss es sich behaupten gegen die patriarchalen Strukturen, in denen die im Kern stehende Familie Rana lebt. Die Oberhäupter erwarten neuen Stammhalter, was in der kriselnden Ehe von Haider und Mumtaz aber so gar nicht in Aussicht steht. Es ist eigentlich schon nur mit Knirschen hingenommen, dass Mumtaz als Kosmetikerin die Ernährerin ist, während Haider schon länger in trister Arbeitslosigkeit vor sich hin dümpelt. Dabei hat er einen Traum, den er aber nur heimlich nachgehen darf: Erotiktänzer. Ein Skandal, der noch skandalöser wäre, wenn jemand von seiner transsexuellen Geliebten dort erfahren würde. Ein Plot, der Anlage für ein Bollywood-Melodram sein könnte, hier aber in malerischen Bildern mit viel Feingefühl und Melancholie umgesetzt ist. Das Ende gehörte zu den intimsten und schönsten Momenten, die ich 2022 im Bewegtbild erleben durfte.

Vielleicht fragt sich jetzt jemand, wie ich trotz solcher Lorbeeren das Prädikat Film des Monats eingangs schon einem anderen geben konnte. Zugegeben, eine riskante These (bei der ich aber bleibe), besonders in Anbetracht des nächsten Filmes, den mein guter Freund Luca, ein abgebrühter Filmnerd, mit Abstand als seinen Film des Jahres bezeichnet: »The Quiet Girl«. Ein irischer Film, der aber nicht auf Englisch, sondern wirklich Gälisch gedreht wurde. Daher auch die Oscar-Nominierung für den Besten fremdsprachigen Film. Dabei redet die Protagonistin gar nicht so viel. Vernachlässigt von ihrer Familie wird die kleine Cáit zu Verwandten aufs Land abgeschoben. Dort erlebt sie einen Sommer voller Wärme, entdeckt aber auch unvermutete Geheimnisse. Und es soll ein todtraurige Szene mit einem Keks geben. Also optimale Vorbereitung auf die Adventszeit.

Während es für manche Kinder auf Land geht, gehts für andere in die Kirche, aber so richtig tief. Denn Edgardo wird 1858 aus dem Schoß seiner jüdischen Familie in Bologna geraubt, das aber auf Geheiß des Papstes. Edgardo soll nämlich heimlich getauft worden sein. Und der Pontifex fährt fast wahnhaft eine harte Linie, um alle Schäfchen bei sich zu haben. Wobei dies nicht gerade förderlich für seinen Kirchstaat in Zeiten von Garibaldis Feldzügen ist. Ich hab »Rapito – Die Bologna-Entführung« bei der Viennale gesehen und war doch unerwartet unterhalten wie beeindruckt. Marco Bellocchio (»Il Traditore«) inszeniert gewohnt altmeisterlich ein bild- wie vor allem musikgewaltiges Drama im Herzen der italienischen Geschichte.

Noch gewaltiger, aber wohl etwas weniger genau historisch wird wohl Ridley Scotts »Napoleon«. Apple hat dem einstigen Schöpfer von »Alien« und »Blade Runner«, der zuletzt »The Last Duel« und »House of Gucci« auf die Leinwand brachte, einen Berg Geld gegeben und der Brite hat ein klassisches Wahnsinnsprojekt unternommen. Joaquin Phoenix (»Joker«, »You Were Never Really Here«, »The Master«) spielt den kleinen Eroberer mit dem großen Hut, Vanessa Kirby (»Pieces of a Woman«, »The World to Come«, »Mission Impossible«) seine Kaiserin. Ich fürchte, das wird für Scott ein Russland-Feldzug, aber einige hier kündigten ja bereits ihre Kriegslust an. Eine große Leinwand dürfte sich definitiv lohnen.

Guter Sound wird sich wohl lohnen bei »Maestro«. Bradley Cooper ist nach »A Star is Born« zurück mit einem anderen großen Musikfilm. Diesmal jedoch weniger poppig, denn der titelgebende Maestro ist niemand Geringeres als Komponist und Dirigent Leonard Bernstein. Trotz des Nasen-Skandals im Vorfeld konnte das Biopic in Venedig beeindruckten Applaus ernten und steht vorne im Oscar-Rennen. Nicht zuletzt auch wegen der Stars: Neben Cooper als Bernstein ist Carey Mulligan (»Promising Young Woman«, »She Said«, »Driver«) als seine Ehefrau Felicia Montealerge zu sehen, Maya Hawke (»Stranger Things«, »Do Revenge«, »Asteroid City«) als Tochter Jamie.

Für die, die musisch eher malerisch als musikalisch unterwegs sind, habe ich auch noch einen Animationsfilm in der Hinterhand: »Die Sirene« war eine meiner feinen Entdeckungen in Berlin Anfang des Jahres. Ein iranischer Film, der in den Süden des Landes und den November 1980 reist. Dort wütet der Erste Golfkrieg und gerade Abadan, Schlüsselstadt für die Öl-Industrie, steht heftig unter Beschuss. Fast alle Einwohner sind deswegen auch schon geflohen. Omid ist jedoch einer der wenigen Zersprengten, die geblieben sind. Denn er wartet auf seinen in den Kampf gezogenen Bruder. Doch die Lage spitzt sich immer weiter zu. Rau, aber bunt versucht der Film das nationale Trauma zu packen und schüttelt einen ordentlich durch – mit Erfolg.

Nathalie schrieb während ich diese Zeilen tippe, dass sie lieber zuhause bleiben will, statt Geld fürs Kino auszugeben, daher kommen wir jetzt zu den Streaming-Starts. Ich muss gestehen, dass das primär Titel aus vorangegangenen Monaten sind, aber sei’s drum.

Ein Film startet im Streaming, den ich letzten Monat schon fürs Kino vorgestellt hatte (wo ich ihn auch gesehen habe): »The Killer« von David Fincher. Effizient wie effektiv erzählt Fincher in seiner Comicverfilmung wie ein Auftragskiller einen Auftrag vermasselt und plötzlich selber als überflüssige Spur beseitigt werden soll. Michael Fassbender gibt den eiskalten Profi, der bei der Arbeit permanent The Smiths hört und sich, um unauffälig zu bleiben, als deutscher Tourist verkleidet. In einer Nebenrolle eine vorzügliche Tilda Swinton. Grimmig, cool, überraschend trocken witzig. Das, worum ich Hollywood seit Jahren anbettle: einfach ein No-Bullshit Genrefilm. Dann jetzt zeitnah auf Netflix.

Klammhemlich auf Netflix ist endlich ein Film von 2020 released worden: »Nine Days«. Eine Indieperle, in der Seelen interviewt werden mit der Chance, dass sie eventuell geboren werden. Unter anderem mit Bill Skarsgård (»It«, »Barbarian«), Winston Duke (»Us«), Benedict Wong (»Avengers«, »David Copperfield«) und unserer Frau in Hollywood Zazie Beetz (»Joker«, »Deadpool 2«). Ein bisschen in Ruhe hinsetzen und über das Leben nachdenken.

In Nordamerika auf Netflix, bei uns auf Prime ist ebenso klammheimlich »Emily the Criminal« gestartet. Aubrey Plaza (»Parks and Recreation«, »White Lotus«) will ihren Studienkredit abbezahlen, darf aber aufgrund ihres Strafregisters nicht wirklich arbeiten. Na gut, dann wird man eben richtig kriminell. Und so taucht sie ganz tief in die Unterwelt von L. A. ein. Per Kreditkarte. Plaza soll hier in ihrer besten Nicht-Comedy-Rolle aufblühen und der Film war auf jeden Festival ein großer Publikumsliebling. Lua war schneller als ich, aber mindestens Jasmin hat ihn neben mir auch noch auf der Watchlist.

Und Halloween haben wir auch schon verpasst und ich hab es wegen Viennale auch nicht geschafft, ihn noch reinzudrücken, aber wir haben auch noch einen Horrorstreifen im Ärmel: »No One Will Save You« läuft auf unserem deutschen Lieblingshorroranbieter Disney Plus und hatte tatsächlich einen kleinen Hype. Ich will mich selber gar nicht zu viel über den Plot informieren, aber es geht irgendwie um Aliens und meine geliebte Kaitlyn Dever (»Booksmart«, »Unbelievable«, »Short Term 12«) spielt mit. Sold.

Ihr seht vielleicht, das konnte ich nicht mal eben so nebenbei runtertippen. Verzeiht mir daher bitte die Verspätung. Es dauert halt, aber ich mache es ja immer mit viel Freude. Hilfe hätte ich jedoch immer noch gerne bei der Website. Ich komme halt bei den ganzen einzelnen Filmseiten im Aktualisieren nicht hinterher. Ich schlug ja schon mal Alarm. Lua half einmal letzten Oktober, aber seit dem arbeite ich weiterhin alleine nach. Da ja beim Votum rauskam, dass ihr gerne die Website beibehalten wollt und vor allem auch so in dieser Form, wäre ich SEHR dankbar für Hilfe. Mindestens LB und Lua sollten IT-Zugang haben, also wendet euch gerne an sie, wenn ihr mithelfen wollt. Hartnäckig. Danke.

Wir sehen uns bald wieder, haltet euch tapfer, guckt Filme.

Wiener Grüße mit Schlagobers

Euer JFK-President

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Preview Oktober

Es ist spät am Tag, aber noch früh im Monat. Warum die Preview jetzt schon? Ganz simpel: Ich bin ab Ende der Woche bis Ende des Monats unterwegs. Danach bin ich aber auch schon direkt weg. Mittlerweile dürften ja alle darüber informiert sein, dass ich nicht mehr bloß im steinwurfweitentfernten Marburg bin, sondern ab Oktober in Wien sitze. Heißt, ich habe auch andere Kinostarts, zumindest leicht andere. Ähnlich wie einst Lina diene ich dann vorerst erstmal als Botschafter in Ausland. Nichtsdestotrotz geb ich euch den Ausblick wie gewohnt weiterhin hier, damit ihr die Heimatfront dennoch weiterhin verteidigen könnt (tut ihr doch, oder? *hoffnungsvolle Rührung in den Augen*).

Theoretisch stünde natürlich das Filmfest Hamburg als Gelegenheit zum Zusammenrücken optimal bereit, aber ich schätze mal, dort wird der einsam-wackere Hanseat Lua von korrespondieren. Dafür haben wir ein ganz großes Highlight diesen Monat. Leider ist es nicht wie lange gedacht Lanthimos’ »Poor Things«, der gerade in Venedig abgeräumt hat, nachdem Disney den Start auf Februar verschoben hat (???). Statt dem Griechen gibt es einen kleinen Italiener, der Cowboy und Indianer spielt. Aber vorher haben wir noch anderes.

Da wäre nämlich »Blue Jean«, ein kleiner Film aus Großbritannien. Dort geht es um eine Sportlehrerin namens Jean, die in der stark konservativen Gemeinde mit der Entdeckung ihrer lesbischen Seite zu kämpfen hat, zumal der Ton in der Thatcher-Ära 1988 ziemlich rau ist. Auf allen möglichen Festivals gefeiert, das Scala zeigt ihn am 29.9. in der Queerfilmnacht, danach kommt er aber vielleicht nochmal in die Hamburger Kinos.

Ebenfalls ein Festivalliebling war »Plan 75«, diesmal aus Japan. Mit ein bisschen Science Fiction wird dort eine Zukunft entworfen, wo alte Menschen ab einem gewissen Alter als unnötige gesellschaftliche Belastung eingestuft werden. Leider ziemlich real im überaltertsten Land der Welt. Den betreffenden Senioren wird die Beendigung des eigenen Lebens, damit sie keine Luft mehr wegatmen, staatlich subventioniert. Michi ist nun eine der Kandidatinnen, die dem titelgebenden Plan 75 unterzogen werden soll.

Genug auf die Folter gespannt: Der eindeutige Film des Monats, wenn nicht gar des Jahres, ist »Killers of the Flower Moon«. Martin Scorsese (»The Irishman«, »Taxi Driver«, »The Wolf of Wall Street«) hat von Apple 200 Millionen Dollar in die Hand bekommen und eine große blutige Ode an sein schon so oft durchleuchtetes Amerika entworfen. Nur diesmal nicht für die Männer, die es bauten, sondern für das Volk, dem es ursprünglich gehörte. Auf dem Land des Osage Stammes in Oklahoma wird in den 1920ern Öl entdeckt. Nicht lange dauert es, bis außer schwarzem Gold auch die ersten Leichen auftauchen, weswegen das FBI geholt wird. Nur eskaliert die Situation nur umso mehr. Leonardo DiCaprio (»Once Upon a Time… in Hollywood«, »Titanic«, »Don’t Look Up«) steht hier mit Cowboyhut im Zentrum des Feuers an der Seite der fabelhaften Lily Gladstone (»First Cow«, »Certain Women«), im Hintergrund hasteb noch Robert De Niro (»Heat«, »Der Pate II«), Jesse Plemons (»I’m Thinking of Ending Things«, »Judas and the Black Messiah«) und Brendan Fraser (»The Whale«, »The Mummy«) umher. Nicht nur ein Oscarfavorit, sondern auch einer für die Goldenen Schnecken und hoffentlich auch für die Goldenen Luxusburger.

Baumannconsulting hat natürlich saubere Hände und hat nie in Öl investiert. Dafür hat das Unternehmen eine lange Geschichte mit Gamestop-Aktien. Reddit, Aufstieg, Börse, Fall. All dem nimmt sich nun »Dumb Money« an. Unter der Regie von Craig Gillespie (»I, Tonya«) versammelt sich zur Finanzmarkt-Clownfiesta ein illustres Ensemble: Paul Dano (»The Fabelmans«, »The Batman«), Pete Davidson (»The King of Staten Island«), America Ferrera (»Barbie«), Nick Offerman (»The Last of Us«), Sebastian Stan (»Avengers«), Shailene Woodley (»Big Little Lies«) und und und. Ich ahne, welcher CEO da so schnell Tickets kaufen wird, wie er damals Stocks geshortet hat.

Geld regiert praktisch die Welt, aber es gibt ja noch die Theorie. In Venedig »Die Theorie von Allem« als großer Geheimtipp. Was mit einem Physikerkongress in den Schweizeralpen der 60er beginnt, gerät über das Verschwinden eines iranischen Wissenschaftlers, der Quantenmechanik einfach mal eben gelöst hat, rüber in Morde, weiteres Verschwinden, merkwürdige Wolkenformationen und Biegungen interdimensionaler Gesetzmäßigkeiten. Im Angesicht der gewaltigen Schwarzweißbilder und des mysteriösen Wirrungen werden Welles, Lynch und allen voran Hitchcock immer wieder als Referenzpunkt beschworen. Noir-Mystery-Thriller-Sci-Fi auf Deutsch? Nicht nur was für die Physikbrains. Empfohlen von Mann mit Brille!

Wo nebulös ist, ob er tatsächlich vom Lideo rauf auf eine Leinwand in der Nähe kommt, ist leider bei David Finchers neuen Film »The Killer«. Genau wie bei seinem Leidenschaftsprojekt »Mank« arbeitete der Regiemeister von »Sieben«, »Fight Club« und »Zodiac« wieder mit Netflix zusammen, um diemal eine Comicverfilmung rund um einen Profikiller zu schaffen. Michael Fassbender (»X-Men«, »Inglorious Basterds«, »12 Years a Slave«) gibt hier den aalglatten Namenlosen, der in einen Vernichtungskrieg gegen seine Auftragsgeber gerät, vor allem aber von existentiellen Selbstzweifeln gelöchert wird. Immerhin macht er gerne Yoga. Die Netflix-Beteiligung macht unsicher, ob er wirklich wie angekündigt ins Kino kommt beziehungsweise wo genau, aber selbst wenn wir Pech haben, kommt er im Monat darauf in den Stream. Aufgenommen habe ich ihn dennoch pro forma hier schon einmal.

Ebenfalls unsicher bei der Kinoauswertung von Netflix steht es bei »Fair Play«, jedoch kommt er entwder Anfang Oktober ins Kino oder Ende Oktober auf den Streamingdienst. Alden Ehrenreich (»Hail Caesar!«, »Oppenheimer«) und Phoebe Dynevor (»Bridgerton«) stehen sich hier als Paar gegenüber, deren Beziehung durch den Aufstieg an der Karriereleiter heftig ins Schwanken gerät. In Sundance wurden das aufreibende Drehbuch und das intensive Schauspiel gefeiert, die das grimmige Beziehungsdrama immer mehr in den Thriller treiben.

Ganz sicher im Stream und auch sonst nicht so nervenraubend wird es bei »The Burial«. Der Crowdpleaser von Toronto kommt Mitte des Monats auf Amazon Prime und zeigt Jamie Foxx (»Django: Unchained«, »Baby Driver«) und Tommy Lee Jones (»No County for Old Men«, »Men in Black«) vor Gericht, um ein familiäres Bestattungsunternehmen zu retten. Eine gemütliche Justizkomödie, konventionell, aber sympathisch, mit wichtigen Diskussionen um Rassendynamik, doch nicht zu schwer auf den Magen schlagend. Wohl kein »12 Angry Men«. Aber immerhin zwei.

Ich hoffe, damit könnt ihr euch ein wenig beschäftigen, bis ich das nächste Mal die Alpengrenze wieder überquere. Seid nett zu Lua, bedankt euch bei Jasmin und motiviert LB, dann läuft der Laden auch. Selbst Lina ist ja wieder im Land, Deutschlandticket regelt.

Wiederschaun

Euer JFK-President

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Preview September

Während die blonde Puppe noch immer auf der Atombombe tanzt, sinkt die Sonne immer früher und die Hosen werden länger. Eben noch paddelte man auf den glitzernden Flüssen – echte Männer genehmighten sich auch ein Bad – und schon sieht man das Packeis am Horizont. Es ist September und die Winde wehen. Raus aus dem Sommerloch, hinein in das Kino.

Im Hochschreiten der Scala-Treppe werfen wir noch einen Blick auf unser pittoreskes Herbst-Panorama. Was sehen wir: »Fallende Blätter«. Aki Kaurismäki, der Meister aus Finnland, ist zurück. Wer ist Kaurismäki? Ähnlich wie ein Jarmusch ein Meister des Lakonischen, des trockenen und absurden, oftmals finsteren Humors. Wortkarg, aber verdammt poetisch. Doch vor allem, wie Kaurismäki selber betont, “keine Kunstscheiße”. Nun ist der Finne zurück und holte sich an der Croisette direkt auch eine Palmen-Statue ab mit einer neuen kleinen Komödie über einsame Seelen, die übereinander stolpern. Diesmal zwei unverhoffte Liebende in einer Nacht in Helsinki.

Während es im frostigen Finnland herzerwärmend wird, ist es im Iran bei »Sieben Winter in Teheran« wirklich bitterkalt. Dabei könnte das Thema einen durchaus zur Weißglut treiben. Denn in der vielfach prämierten Dokumentation geht es um eine Studentin, die nach sieben Jahren Haft gehängt werden soll. So lautet das Urteil für den Mord den sie begangen haben soll. Nur war jener Mord Selbstverteidigung gegen einen Vergewaltiger. Der Film rollt nun die Akte noch einmal auf.

Ein weiterer Dokumentarfilm kommt mit »Auf der Adamant« angeschippert. Nicolas Philibert ist einer der empathischsten Dokumentaristen Frankreichs und konnte dieses Jahr in Berlin den Goldenen Bären gewinnen. Die titelgebende Adamant ist ein Schiff, das mitten in Paris schwimmt. Nur ist es kein Fischkutter, sondern eine Tagesklinik für psychisch erkrankte Menschen. Philibert begleitet nun die kreativen Therapieansätze aus nächster Nähe und entwirft ein Gegenbild zum maroden Gesundheitssystem.

Ihr wollt Crazyness nicht als Thema, sondern als filmisches Prinzip? Gut, dann ab zu »The Creator«. »Rogue One«-Macher Gareth Edwards entwirft einen dicken Sci-Fi-Streifen, in dem John David Washington (»Tenet«, »BlacKkKlansman«, »Amsterdam«) der übermächtigen K. I., mit der die Menschheit im Krieg liegt, ihre Superwaffe abluchsen. Das Problem: Die Waffe ist ein kleines Kind. Ein Androiden-Kind. Könnte doof werden, vielleicht aber auch ganz cool. Vielleicht besser als »65«. Musik von Hans Zimmer!

Das Gegenteil von Futurismus gäbe es bei »Within Our Gates«. Oscar Micheaux hat 1920 hiermit den ersten afroamerikanischen Film aller Zeiten gedreht, zumindest den ältesten, der erhalten geblieben ist. Ein Drama um Selbstbestimmung, Rassenspannung und Lynchjustiz. Das Scala zeigt es mit KOSTENLOSEM EINTRITT einmalig auf der großen Leinwand!

Noch zwei ganz frisch gegrillte Mini-Steaks vom Lido, die beide auf Netflix kommen werden:

Zum einen ist da »El Conde«. Pablo Larraín pendelt nach seinem Lady-Di-Porträt »Spencer« zurück in seine Heimat Chile. Und wie schon bei seiner letzten Rückkehr mit dem feurigen Tanzdrama »Ema« hat er etwas sehr Stylisches und völlig Neues im Angebot. Wobei: Genau wie bei Lady Diana und Jackie Kennedy nimmt er eine historische Berühmtheit und fügt einen gewissen Spin hinzu. Diesmal ist der Spin nur wirklich abgedreht. Denn Augusto Pinochet, dem chilenischen Diktator der 70er und 80er, widmet er sich in einer schwarzweißen Horrorsatire. Bei Larraín ist Pinochet nämlich ein jahrhundertealter Vampir. Vom römischen Imperium über Ludwig XVI rein in das vielleicht dunkelste Kapitel der chilenischen Geschichte. Illustriert wird dies in vorzüglichen Bildern von Edward Lachman (»Dark Waters«, »Carol«, »Light Sleeper«).

Zum anderen ist da Neues von Wes Anderson! Wobei es “nur” ein Kurfzilm ist. Nach »Der fantastische Mr. Fox« widmet sich Anderson zum zweiten Mal mit »The Wonderful Story of Henry Sugar«. Darin wird Benedict Cumberbatch vom Guru, der ohne Gebrauch seiner Augen sehen kann (???), zum Meister-Betrüger beim Glücksspiel. Um ihn herum bekommt er Ralph Fiennes, Dev Patel, Ben Kingsley, Richard Ayoade und Rupert Friend gestellt. Für mehr Superstars war auf 39 Minuten nicht Platz.

Zick-Zack-Huckepack, das war’s auch schon. Ich möchte mich an dieser Stelle noch einmal bedanken für die zahlreiche Teilnahme am diesjährigen JFK-Meet-Up. Ich hoffe, die Bande konnte gestählt und etwas Kinoodem kollektiv eingeatmet werden, sodass nach diesem Sommer die Splittergruppen an ihren fernen Orten weiter Filme für unser Filmtagebuch sammeln können oder vor allem die vor Ort weiter unser Antiltz in Scala und Abaton pflegen können.

Hochachtungsvoll

Ihr JFK-President

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Preview August

Wir sind voll im Sommerloch, was aber vielleicht gar nicht so schlecht ist. Denn umso besser können wir uns möglicherweise auf die wenigen vorhandenen Starts konzentrieren. Schließlich war der Track Record des JFKs in den letzten paar Monaten… dünn? Aber nicht schlimm, so fällt das Sommerloch weniger auf und vielleicht ragen so die wenigen Events als besondere heraus. Denn den ein oder anderen herausragenden Film haben wir diesen Monat tatsächlich.

Hightlight des Monates ist bestimmt »Past Lives«. In Sundance ist das Publikum schon ausgerastet und für die Europapremiere in Berlin kann ich bestätigen, dass die Leute sich auch gar nicht mehr eingekriegt haben. 4,3/5 auf Letterboxd, 8,4/10 auf IMdB, 94/100 auf Metascore. Dabei ist der eigentliche Film dahinter ganz klein und schlicht. Zwei Kinder in Korea vergucken sich ineinander. Das Mädchen zieht mit seiner Familie weg nach Amerika, der Junge bleibt zurück in Seoul. Jahre später nehmen sie wieder Kontakt auf. Sie spüren, was zwischen ihnen war, wissen aber auch, dass ihr Leben fortgeschritten ist. Zumal sie jetzt verheiratet ist. Das könnte jetzt melodramatisch werden, aber Celine Song geht einen anderen Weg mit ihrem Liebesdrama. Es ist ein überaus feinsinniger, reifer Film, der dennoch nicht seinen charmanten Witz und sein romantisches Träumen verliert. Das Ende ist einer der herzergreifendsten und kitschloses Momente des Kinojahres. Review hier.

Als alte »Everything Everywhere All at Once«-Fans wollt ihr gerne wieder Asiaten in Amerika, aber nicht mit so viele komplizierte Emotionen wie bei »Past Lives«? Kein Problem! Dafür haben wir »Joy Ride«! Eine wilde Randalekomödie mit Girlpower im Zentrum, allem voran der Goldenen-Luxusburger-Gewinnerin Stephanie Hsu (»Everything Everywhere All at Once«). Sie ist eine von vier Amerikanerinnen mti asiatischen Wurzeln, die nun in quer durch die Heimat ihrer Vorfahren auf der anderen Seite des Pazifiks reisen, auf der Suche nach einer der Mütter der Crew (yay, noch ein Film über Mutterkomplexe mit Stephanie Hsu🥳). Fun Fact: Um den Film gab es eine kleine lächerliche Kontroverse, nach einer Review, die schrieb über die Komödie schrieb: Objectifies men, targets white people. All shock value, ‘look at me’ attitude. Natürlich kochte das Ganze hoch und wurde zum medialen Cancel-Krieg. Also: Ihr wurdet gewarnt. Aber wann hat der JFK je einen kontroversen Film gescheut?

Apropos Filme mit J, die von Frauen sind und Film-Kontroversen involvieren, und ‘Look at me’-Attitude: Der Eröffnungsfilm des diesjährigen Cannes-Festivals kommt in die deutschen Kinos, »Jeanne du Barry«. Maïwenn hat sich für ihren Film selbst gecastet als die legendäre Regentenverführerin und wickelt in ihrem großen Kostümdrama Ludwig XV. (das ist der nach dem Sonnenkönig und vor dem, der in der Revolution den Kopf verliert) um den Finger. Und der wird gespielt von jemanden, der sowieso nur gute Erfahrungen mit Frauen gemacht hat: Johnny Depp feierte an der Croisette dieses Jahr sein großes Comeback auf dem roten Teppich. Das fand nicht jeder toll und auch das Projekt wurde insgesamt gemischt bewertet, doch alleine für Johnny geh ich rein.

Wo ich auch gerne reingeganden wäre, war bei der Berlinale »Passages«. Aber leider waren die Tickets ausverkauft und ich habe einen spanischen Experimentalfilm über Seelenwanderung geguckt, wo man zwanzig Minuten lang die Augen schließen muss. Ich habe also wertigen Ersatz bekommen, aber jetzt bekommen wir die Gelegenheit zum gemeinsamen Nachholen. Regisseur Ira Sachs kommt aus der New Yorker Indie-Kunstszene, erzählt hier aber einen sehr europäischen Film. Denn in Paris entfaltet er eine lustvolle Ménage-à-trois zwischen zwei Männern und einer Frau. Nur steht nicht die Frau in der Mitte, sondern einer der Typen. Gesandwiched wird hier Franz Rogowski, der gegenwärtig beste Darsteller unseres Landes (»Undine«, »Luzifer«, »Ein verborgenes Leben«), auf der einen Seite die Französin Adèle Exarchopoulos (»The Five Devils«, »Blau ist eine warme Farbe«, »Smoking Causes Coughing«), auf der anderen Seite aus Großbritannien importiert Ben Whishaw (»James Bond«, »Paddington«, »Women Talking«). Sex, Tanzen, Drama. Nicht euer TikTok-Feed, sondern großes Kino in 90 Minuten.

Und während MUBI »Passages« ins Kino bringt, bringen sie »Medusa Deluxe« zu euch nach Hause. Während eines Friseurwettbewerbs ereignet sich ein Mord. Der Film ermittelt in fließender Bewegung durch Neon-Licht-Flure den Killer. Kamera Robbie Ryan (»The Favourite«, »C’mon, C’mon«, »Marriage Story«). Wie jemand auf Letterboxd sagt: “Climax but they’re hairdressers”.

Also: Überschaubar. Sex und Freundschaft, zwischendurch Morde und Mütter. Hoffentlich sieht oder hört man sich irgendwo, spätestens beim großen JFK-Sommer-Meet-Up. Denkt dran: 27.08.! Näheres nochmal zusammengefasst von den Zuständigen in Kürze.

Munter bleiben

gez. JFK-President

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Preview Juli

Als Previewschreiber gerät mein bei Baumannconsulting etwas unter Druck: Aus dem letzten Monat, der eh schon nur vier Kinoevents, bestehend aus drei Filmen, hatte, war nur einer aus der Preview. Die Kinder rennen ins Field (ich hab mit einem W20 auf Humor gewürfelt und 18 bekommen, LACHT) und der präsidentliche kULTuR-ciNeASt kommt aus seinem Süden nur für irgendne viereinhalbstündige Latinoscheiße nach Hamburg gekrochen. Na vielen Dank auch. Shoutout dafür an die Wes-Anderson-Stans (ich selbst war zwei Mal drin). 😔💪

Doch jetzt im Juli schlagen wir zurück! Denn es gibt DAS Double-Feature des Jahres. Also keine Zeit verlieren, springen wir direkt rein.

Am 20. Juli kommen zwei Filme ins Kino, auf die nicht nur Filmtwitter wartet, sondern jede Blase in auf jeder Social-Media-Plattform: »Lou – Abenteuer auf Samtpfoten« und »Sword Art Online The Moive: Progressive – Scherzo Of Deep Night«. Für die übrigen Normies gibt es den Hasbro-Werbeblock »Barbie« und den vom Pentagon, »Oppenheimer«. Pinker Plastikpop und dicke fette Bomben. Ich muss nicht mehr sagen. Kauft euch rechtzeitig noch euer #Barbenheimer-Shirt und geht ins Double-Feature eures Lebens. Baumannconsulting distanziert sich von jeglichen Einzel-Events in diesem Fall.

So, das war’s im Grunde, jetzt kommt nur noch mein kleiner Kolumnenteil mit Filmen, die im Blockbustersschatten verblassen werden, doch er Form halber auch hier erwähnt werden wollen (pluralistische Demokratie undso, schnarch). Passenderweise aber doppelte Doppel aus typischen Urlaubsländern für den spritzigen Badespaß im vollgeschwitzten Samtkinosessel.

Erstmal gehen wir nach Frankreich, à ouioui, zu Filmemachern, die wir kennen, aber wohl nur ich liebe. Wobei, Liebe ist bei François Ozon vielleicht etwas hoch gegriffen. Aber aus Sympathie ist man im Grunde verpflichtet, dem vielfältigsten und wohl populärsten Filmemacher der Croissant-Republik. Und wo bekommt man bessere Croissants als in Paris? Fluffig mit etwas Schokoladensüß beträufelt serviert er uns diesmal eine blutgefüllte Köstlichkeit. Denn in »Mein fabelhaftes Verbrechen« bekennen sich zwei Schauspielerin, ein junger Aufstrebender Stern und eine alte Diva, zum selben Mord. Beide wittern im Scheinwerferlicht des Prozesses die Gelegenheit für die Darbietung ihres Lebens. Schillernd erweckt Ozon die Pariser Metropole der 30er, begleitet von einem illustren Ensemble, im Zentrum Nadia Tereszkiewicz (»Babysitter«) und Isabelle Huppert (»Die Klavierspielerin«, »Elle«, »Greta«). Eine zuckersüße Krimikomödie mit maliziösem Grinsen hinter dem eleganten Schleier. Letterboxd kocht vor Girlpower.

Apropos Frauen: Die Großmeisterin der Körperlichkeit Claire Denis (»High Life«, »Trouble Every Day«) hat letztes Jahr zwei Filme gemacht und wurde für beide ausgezeichnet. Auf den Cannes-Favoriten »Stars at Noon« müssen wir noch warten, aber der Berlinale-Regiepreis-Gewinner »Both Sides of the Blade – Mit Liebe und Entschlossenheit« (ignoriert den Titel) kommt jetzt in unsere Kinos. Starbesetzt mit Juliette Binoche (»Drei Farben: Blau«, »High Life«, »Zwischen den Zeilen«) und Vincent Lindon (der Selbstanzünder aus »Titane« und »Streik«) widmet sich Denis dem, was die Franzosen am besten können: toxische, leidenschaftliche, zärtliche, selbstzerstörerische Beziehungen. Ein bisschen aufreibendes Begehren als Gegenstück zur polierten PG-Barbie-Liebelei und im Gegensatz zu Nolan Frauen, die mehr als nur eine notdürftige Drehbuchnotiz sind. Lua hat mir versprochen, dass er beim nächsten Claire Denis wieder dabei ist und darauf nagel ich ihn fest. Und ihr liebt Lua und seinen vorzüglichen Filmgeschmack. Zeigt Lua eure Liebe. Und eure Entschlossenheit. Nehmt ihn so richtig schön hart ran.

Theoretisch bleiben wir in Frankreich, nur ist der Film von einem Italiener: Nach seiner sozialistischen Version von »Martin Eden« kehrt Pietro Marcello in die deutschen Kinos zurück, nur diesmal feiner, empfindsamer und verspielter in »Die Purpursegel«. Die Emanzipation einer jungen Frau in Nordfrankreich zwischen den Weltkriegen zwischen Träumerein, Magiern und dem liebsten Liebhaber der Frankophilen: Louis Garrel (»Little Women«). Gelobt wird vor allem die sensible Familiendarstellung in Marcellos Inszenierung, die bisweilen mit der Céline Sciammas (»Porträt einer jungen Frau in Flammen« oder zuletzt »Petite Maman«) verglichen wird.

Jetzt gehen wir aber richtig nach Italien. Wobei, mit einer Spanierin. Denn in »L’immensità« spielt eine furiose Penélope Cruz (»Parallele Mütter«, »Der beste Film aller Zeiten«, »Alles über meine Mutter«) die kindisch-labile Mutter eines Mädchens, dass sich so gar nicht als solches fühlt. In strahlenden Bildern erzählt Emanuele Crialese eine ziemlich aufreibende Familiengeschichte zwischen Geschlecht und Psyche in der Krisis. Kraftvoll gespielt, spülte letztes Jahr am Lido um 8:30 die volle Welle Sommer über mich (Review hier). Femininer Nonkonformismus, gegossen in einen runden Kinoabend (bzw. damals -morgen).

Wer es noch südlicher braucht, dem sei kurz noch »Talk To Me« angeboten, ein großer A24-Horror-Festivalliebling aus Ozeanien. Stylisch debütieren hier zwei YouTuber mit einer Geschichte über ein verfluchtes Partyspiel, das einem den Kontakt zum Jenseits öffnet. Auf dem Fantasy-Filmfest zwar als No-Brainer befunden, macht der Genrestreifen dennoch ordentlich Laune und liefert überdurchschnittlichen Gruselspaß für Horrormäuse allen Expertengrades. Review hier.

Das wär’s, wobei es eigentlich schon nach dem einleitenden Double-Feature durch war. Wer nicht beide loggt, kann auch direkt austreten. Wenn das nicht mal die Gelegenheit für ein großes JFK-Zusammenkommen ist! Apropos: Wie war das mit dem großen JFK-Meet-Up 2023? Es wurden zwar ein paar lose Vorschläge geäußert, die aber alle einen größeren Trip (wobei ich keine Ahnung, ob Stand Up Paddling auch irgendwo in Lüneburg geht, bestimmt bei Schröders Garten) beinhalten würden. Außerdem gab es ja auch schon Mini-Golf in großer Gruppe. Dennoch: Der Vorstand würde sich dennoch sehr freuen, wenn wir für August vielleicht ein non-cinematorisches Event konkretisieren können. Also gerne verschärft auf den Tisch hauen und seine favorisierten Vorschläge mit Liebe und Entschlossenheit in den Rachen des Restes prügeln. Am besten auch Terminvorlieben äußern. Grazie Mille.

Auch noch organisatorisch: Letztes Mal äußerte sich Bereitschaft zur Mithilfe an der Website. Trotzdem verlodderte die Seite letzten Monat mehr denn je. Baumannconsulting bitte Sie, sich an den Admins bei Interesse zur Mithilfe festzubeißen, bis sie handeln (der aufhören zu bluten und zu schreien).

Einen vorzüglichen Sommer und Holdrio

Ihr JFK-Präsident vom Zauberberg

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Preview Juni

Liebe Aktionär*innen,

Es ist Sommer, zumindest im Süden des mitteldeutschen Sibiriens. Klassischerweise die Phase, wo das Kino ein Loch bekommt, aber tatsächlich bekommen wir zum Strandwetter nochmal eine schöne große Kühlkiste voll mit buntem Kinoeis zum leerlutschen. Und da der Sommer näherrückt: JFK-Meet-Up 2023? Bitte Vorschläge in die Kommentare. Wobei der einst cinematorisch angepflanzte Stamm ja mittlerweile auch so von selbst zwischen Beeren und Bällen blüht. Das Sekretariat des Präsidenten bittet vielmals um Nachsicht hinsichtlich seines terminlich bedingten Fernbleibens (auch bei den letzten Monat insgesamt rar gesäten Kinoversammlungen). Es wird auf Besserung gehofft.

Nächster Absatz betriebsintern, für Filme direkt zum übernächsten springen.

In eigener Sache: Ich weiß nicht, inwieweit die Website überhaupt noch genutzt wird (gerne Rückmeldung dazu), doch gestaltet sich die Pflege aktuell etwas schwierig. Da ich zu den Events zuletzt weniger Kontakt hatte, hab ich die dazugehörigen Seiten lange nicht nach den Treffen aktualisiert, die Kategorien geordnet etc. Intern gab es schon Anfragen, ob man das umdeligieren könnte, aber bislang leider fruchtlos. Daher zwei Fragen: Will jemand bissl Website mithelfen? Vor allem aber: Lohnt es noch, das aktuelle Modell beizubehalten? Guckt noch jemand auf die Seite? Also ernsthafte Frage? Als Kommunikationsplattform und Archiv eigentlich ganz schön, aber weiß nicht, für wie viele das noch von Interesse ist. Gerne auch dazu in Kommentaren oder Gruppe melden.

Apropos archivarisch: Auf dem Fantasy Filmfest schon gesehen, aber vielleicht ist »Pearl« auch für den Rest interessant. Obwohl es das Prequel zum letztjährigen A24-Slasher »X« ist, funktioniert der Film auch völlig ohne den anderen Ti-West-Streifen je gesehen zu haben (Jasmin- und Felix-approved). Die Geschichte eines etwas irren Farmmädchens während der Spanisches Grippe, das von einer großen Karriere als Tänzerin beim Film träumt, wird dank Hauptdarstellerin Mia Goth (»High Life«, »Emma.«) zum furiosen Charakterdrama. Gut umgesenst wird dennoch, für alle Genrefreunde. Großer Spaß, gerade auf der Leinwand dank der knalligen Bilder! Mehr hier.

Wer nachvollziehbarerweise nicht Urlaub auf einer entlegenen Südstaatenfarm machen will, für den habe ich der goethischen Seelen Traum: Bella Italia. In »Nostalgia« wird das Drama um einen Mann, der in seine Heimatstadt Neapel zurückkehrt dadurch ein wenig mit Gangsterpfeffer gewürzt, dass sein enger Freund in der lokalen Unterwelt aufgestiegen ist. Atmosphärisch dicht regnen Musik und Bilder auf die heißen Straßen, waschen aber das Blut der kühlen Freundschaftsfabel nicht weg. In Cannes damals gut besprochen, mit Pierfrancesco Favino (»Il traditore«) in der Hauptrolle.

Manche wollen vielleicht auch nicht mit ihren zweilichtigen Freunden und deren Pferdekopf im Hotelbett schlafen, sondern teilen sich die Rechnung lieber mit ihrer Familie. Für die gibt es »The Adults« mit Michael Cera (»Scott Pilgrim«). Ein kleiner Film über Kleinstadt-Poker-Profi Eric, der eines Tages in seine alte Heimat zurückkehrt und nun etwas unbeholfen mit seinen entfremdeten Schwestern klarkommen muss. Feiner kleiner Film, der sicher einer der angenehmsten Überraschungen für mich auf der Berlinale war. Großartiges Ensemble, das sich die ganze Zeit mit sehr verspielten Gemeinheiten anfaucht in dieser warmherzigen Tragikomödie. Für Mumblecorefreunde (sowas in der Art von »Frances Ha« oder »Lady Bird«) auf jeden Fall ein Geheimtipp. Mehr hier.

Etwas verschroben, etwas awkward, doch witzig, doch melancholisch, das bekommt man normalerweise vor allem mit einem: Wes Anderson. Dessen neuer Film nach »The French Dispatch« oder »Grand Budapest Hotel« kommt nun ganz frisch aus Cannes in unsere heimischen Kinos. Für »Asteroid City« macht er diesmal einen besonders pastelligen Ausflug in die Wüst, wo der Weltraumwahn mit Besuchern in Untertassen belohnt wird. Mit dabei unter anderem Jason Schwartzman, Scarlett Johansson, Tom Hanks, Steve Carell, Jeff Goldblum, Maya Hawke, Jeffrey Wright und und und. Ihr kennt Wes Anderson. Ihr liebt Wes Anderson. Ihr bekommt Wes Anderson.

Statt 20.000 Stars gibt uns der nächste Film etwas ganz speziell für LO: »20.000 Arten von Bienen«. Der kleine spanische Drama rund um eine Mutter und ihre kleine Tochter, beide in eigenen Krisen. Bei der sechjährigen Lucía ist die Krise ganz handfest: Sie hat das falsche Geschlecht zwischen den Beinen. Intensiv gespielt, sehr feinfühlig, Bienen. In Berlin dieses Jahr vielfach ausgezeichnet, leider von mir dort verpasst, jetzt aber die Gelegenheit zum nachholen.

Ebenfalls zum Nachholen, weil anscheinend niemand Lua ins Kino begleiten wollte: »The Five Devils« kommt jetzt endlich auf MUBI. Feuriges Franzosenkino mit Adèle Exarchopoulos, hatte ich an anderer Stelle schon mal vorgestellt. Vielleicht jetzt mit Sofa-Zugang noch attraktiver für jene, die sich bisher noch nicht für entflammte Franzfrauen eingewählt haben.

Und natürlich für die Fantasy-Filmfest-Freunde unverzichtbar: Am 15. Juni startet der Horrorkracher »Bed Rest«. Bei Interesse bitte direkt bei Lua melden, der hat noch Freikarten.

Mindestens mit Wes Andeson dürfte diesen Monat glaube ich etwas dabei sein, wo man einige Gesichter wiedersehen kann. Meldet euch wie gesagt gerne bezüglich eines erneuten JFK-Meet-Ups.

Sonnige Grüße

Euer JFK-President

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Preview Mai

Ich weiß nicht wie es bei euch in euren verstreuten Teilen der Welt aussieht, aber hier in Marburg ist es Grau. Hier und da etwas triefendes Grün, dort bleiernes Blau. Der sogenannte Frühling ist aktuell noch ziemlich winterlich, der Sommer unendlich fern. Immerhin hat sich das Kino dem Wetter angepasst und ist der Überzeugung, dass es noch wie in den besten dunklen Monaten ausschütten darf, kein Sommerloch in Sicht. Ein paar nette Kleinigkeiten, aber auch Highlights. Unter anderem mit der Rückkehr eines JFK-Klassiker-Autors.

Doch bevor wir zu dem kommen erstmal ein Angstgegner des JFKs: das deutsche Kino. Es starten zu Monatsbeginn gleich zwei schöne Kandidaten, aber nachdem selbst ich Angela Schanelecs »Music« nach der Berlinale-Weltpremiere als den zuschauerunfreundlichsten Film seit Jahren bezeichnet habe, lohnt es glaube ich nicht den hier einzubringen. Ich glaube meinen cinematorischen Masochismus teilt hier ja niemand. Dafür habe ich einen anderen Film im Köcher, aber da ich zuletzt scheinbar kein Talent gehabt habe, deutsches Kino verführerisch zu beschreiben, übergebe ich für »Das Lehrerzimmer« (ich weiß, unattraktiver Titel) das Mikro an den allseits beliebten Langhaar-Hanseaten Lua:

Ein deutscher Film? Mit Schulkindern? Allein, dass das schon keine Katastrophe ist, ist ein Wunder. Vielleicht ist Das Lehrerzimmer sogar ein Wunder. Ich hab selten so eine gute Darstellung von Schule, Schülern und Lehrern in einem Film gesehen. Also jetzt schon eine absolute Empfehlung und ich hab noch gar nichts zu der ziemlich spannend erzählten Handlungsentwicklung gesagt. Lohnt sich auf jeden Fall!

Lua

Danke Lua, wir schalten zurück ins Studio. Und da ihr jetzt so brav den deutschen Film durchgestanden habt, kommen wir zum vermutlich begehrtesten Film des Monats: »Beau Is Afraid«. Für die, beiden denen gerade gar nichts klingelt: Das ist der neue Film von Ari Aster, dem Schöpfer vom JFK-Megakultklassiker »Midsommar«. A24 hat ihm diesmal anscheinend Carte Blanche gegeben und als Bonus Joaquin Phoenix oben drauf. Den schickt der bisherige Horrorinnovator als paranoiden Pyjamaträger auf eine Odyssee durch die Jahrzehnte und quietschbunte Pappkulissen. Ganz bescheiden beschreibt Aster den Film als “das jüdische »Herr der Ringe«” und hat ihn auch von vier Stunden auf knackige 179 Minuten runtergetrimmt. Das Projekt ist offensichtlich megalomanischer Irrsinn, aber er hat jezt schon große Fans. Und es soll Asters bisher witzigster Film sein. Als Fraktion, die sich im Saal bei den Midsomma-Sexritualen kaputtgelacht haben, sind wir verpflichtet, den zu gucken.

Reicht jetzt auch mal wieder mit coolem Hollywoodkram. Zurück zu was mit Deutschen. Zumindest vom Klang her. Mit Sisi konnte man hier ja zuletzt keinen Blumentopf mehr gewinnen, aber dafür gibt es jetzt »Sisu«. Lua und LO haben ihn schon geguckt und waren angetan. Kurz: ein übermächtiger Finne ballert zusammen mit seinen Hund Nazis weg. Nuff said.

Hund habt ihr ja alle lieb, sonst könnte man ja nicht die tiefenpsychologischen Hintergründe in »John Wick« nachvollziehen. Bestimmt gibt es auch Fans vom Heulfest »Hachiko«, wo der Hund auch nach dessen Tod auf sein Herrchen wartet. Aber kennt ihr auch das japanische Original? Jetzt haben wir wieder eine Remake-Situation. Akira Kurosawas legendärer Klassiker »Ikiru« wurde jetzt britisch neugemacht und gar nicht mal mit schlechten Leuten! »Living« heißt die Neuerzählung der Geschichte eines alten Bürokraten, der im Nachkriegslondon mit einer tödlichen Krankheit diagnostiziert wird und nun einmal richtig leben will. Klassische Prämisse, aber wohl sehr feinsinnig umgesetzt. Kurosawa machte daraus schon einen der besten Filme aller Zeiten, nun adaptiert den Stoff Nobelpreisträger Kazuo Ishiguro (einige kennen wahrscheinlich die Verfilmung seines Romans »Never Let Me Go – Alles was wir geben mussten« mit Keira Knightley) und erhielt auch prompt eine Oscarnominierung. Ebenso erhielt der große Bill Nighy endlich eine Nominierung, nachdem er euch bereits aus diversen Titeln wie »Shaun of the Dead«, »Emma.« und »Fluch der Karibik« bekannt und unverzichtbar geworden ist (ihr erkennt ihn, wenn ihr ihn sieht, begnadeter Nebendarsteller). Ich war bei Ankündigung des Projekts sehr skeptisch, aber die Kritiken waren alle sehr lobend und die Bilder sehen bezaubernd aus. Mal was zum Fühlen nach Kloppe, Wahnsinn und Deutschland.

Ebenfalls viele Emotionen wird es beim großen Sundance-Gewinner »A Thousand and One« geben. Mitte der 90er in New York entführt Inez den kleinen Terry aus dem Pflegeheim, der dort sowohl von seinen eigentlich Eltern als auch seiner Pflegefamilie alleingelassen wird. Doch in Harlem, der Welt von Inez, erwartet Terry keine sonderlich sonnige Welt. Charaktergetriebenes Melodrama mit starken Schauspielleistungen und genauem Blick für die sozialen Hintergründe. Allseitig gefeiertes Spielfilmdebüt aus der Indie-Ecke. Im Scala sogar in OmU!

Untertitel gibt es auch bei »Sparta«, denn selbst die Teile, die in deutschsprachigen Gefilden spielen, sind nicht richtig deutsch. Der Österreicher Ulrich Seidl präsentiert seinen Bruderfilm zum vielfach mit der Goldenen Schnecke ausgezeichneten »Rimini«, diesmal um Ewald, der nach Rumänien geht. Er hat dort einen Job und auch eine Frau, die ihn liebt, doch lässt ihn etwas Dunkles in ihm keine Ruhe. Er verdrängter Trieb treibt ihn in die Provinz, wo er eine Judodojo für Kinder gründet. Seidl schafft hiermit einer seiner wohl empathischten Charakterstudien, getrieben vom brillanten Georg Friedrich, der Mann, der ganz Österreich in seinem Mund hat. Ein stilistisch strenger Film, aber einer der menschlichsten, die ich letztes Jahr gesehen habe. Ausgezeichnet mit der Goldenen Schnecke für den Besten Nebendarsteller (Hans-Michael Rehbergs letzte Rolle), plus zwei weitere Nominierungen. Traut euch! Review hier.

»Sparta« hab ich letztes Jahr in Hamburg sehen dürfen, als Seidl mit dem großen Preis des Festivals ausgezeichnet wurde. »All the Beauty and the Bloodshed« hab ich damals sogar spät am Abend in der Pressevorstellung am Lido gesehen, bevor er dann den Goldenen Löwen von Venedig gewann. Der Dokumentarfilm zeichnet den Kampf der Fotografin Nan Goldin gegen die Pharma-Großmacht Sackler nach. Auf der einen Seite porträtiert er so die Opioidkrise Amerikas rund um Oxycodon (ein paar haben vielleicht in dem Zusammenhang auch von der Serie »Dopesick« gehört), auf der anderen Seite erzählt er auch das Leben Goldins, von der psychotisches Vorortfamilie hin in das Zentrum der New Yorker Undergroundavantgarde. Die Doku ist dadurch sowohl politisch brisant als auch ein farbenfrohes Historienfresko, wird lyrisch und schließlich extrem persönlich. Unbedingte und uneingeschränkte Sehempfehlung von mir an alle! Review hier.

Viel Festivalkino, wie ihr merkt, aber eben auch einige richtige Hits. Ein paar garantierte Magneten, ein paar, bei denen man vielleicht über seinen Schatten springen muss. Jedenfalls genügend Gelegenheit, den trüben Tagen rein in den Kinosaal zu entfliehen. Schnappt euch Freunde, Familie und eingeschlafene Mitglieder und füllt die Genusspunktetabellen.

Grüße vom Schloss

Ihr JFK-Burgheer-President