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Preview März

Ich würde ja jetzt darüber reden, dass dieser Monat ein ziemlicher Premium-Monat wird, aber letzten Monat hat das auch nicht so recht gezogen. Drei JFK-Events, davon wiederum auch nur zwei aus der Preview. Uff, uff, uff, die Eisenbahn. Krankheit, Beruf und Ländergrenzen behalten die Oberhand im Ringen mit den cinematorischen Genüssen. Der Präsident ist abwesend als wäre er gerade durch Dallas gefahren. Geht es noch um Leben und Kino? Wird der JFK, mit Blick auf den Januar, ein Streaming-Club? Oder behält er seine Tradition, die Kinder von den Sofas aufzuraffen, aus den Dörfern zu locken, von Angesicht zu Angesicht das Knie zu drücken und einander den Drachen erwachen zu lassen? Alles, was ich aktuell dazu tun kann, ist, euch die raffiniertesten Kinodelikatessen zu servieren. Und für März hab ich ordentlich was zum Schnabulieren.

Der erste Snack greift tief in die Geschichte des JFKs: Team Scala grüdnete sich damals, weil niemand außer ein mutiger Marcus mit dem traurigen Tropf Joris in den neuen Film der Coen-Brüder wollte. »Hail Caesar!« war der Grundstein aller Lüneburger Filmkultur, doch nicht nur diese norddeutsche Cinéphilie hat sich verändert, auch die Brüder haben sich getrennt. Joel konnte uns vor ein paar Jahren mit seiner Vision von »Macbeth« durch einen radikalen tonalen und stilistischen Wechsel begeistern, Ethan hingegen bleibt bei dem, womit sich das Duo einst etablierte: Schrägster, wildester und schmutzigster Humor. Sein »Drive-Away Dolls« ist ein kecker Gangsterstreifen, in dem zwei Freundinnen für ihren Mädelstrip unverhofft das falsche Auto schnappen. Denn das im Kofferraum gehört jemandem, der keinen Spaß versteht. Die Kritiker verstanden bei dem Film bislang mal mehr, mal weniger Spaß, fanden ihn mal zu campy, fand ihn mal genau richtig überdreht und hemmungslos. Klingt genau nach dem, was Margaret Qualley (»Once Upon a Time in Hollywood«, »Poor Things«) tragen kann. Nebenher hüpfen noch Beanie Feldstein (»Booksmart«), Pedro Pascal (»Massive Talent«, »The Last of Us«) und Matt Damon (»Good Will Hunting«, »Stillwater«, »Oppenheimer«) durchs Bild. Wohl kein Film zum großen Grübeln, aber genau das braucht man ja auch manchmal.

Etwas mehr wird das Hirn wohl bei »Dream Scenario« durchgeknetet, wobei es aber vielleicht nur noch aberwitziger und kruder wird. Kristoffer Borgli wurde nach »Sick of Myself« direkt von A24 nach Amerika geholt und hat Nicolas Cage in die Hände bekommen, um einen Gang höher zu schalten. Cage spielt hier nämlich einen eher unauffälligen Dozenten, der aber plötzlich im Traum diverser Leute aufploppt. Und plötzlich ist er berühmt. Nur warum genau? Und mit welchen Folgen? Lua hat dies schon erkundet und war begeistert. Er ist dabei nicht allein, speziell Cage wird für eine weitere Karrierebestleistung gefeiert. Es soll einer seiner (bewusst) witzigsten Filme sein, bei dem er mit aller Expressivität dem Affen mal so richtig Zucker geben darf. Und für alle, die in der Schule mal »Inception« gesehen haben und seit dem auf Mindfuck stehen, können jetzt auch endlich ihrer Jugendpassion weiter nachgehen.

Apropos Nolan: Ich weiß nicht warum, aber aus irgendeinem Grund wurde auch Kore-edas neuer Film »Die Unschuld« damals in Cannes mit Nolan verglichen. Etwas unerwartet bei dem Mann, den man für seine einfühlsamen Sozial-Familiendramen wie »Shoplifters« oder »Broker« kennt. Jedenfalls lieben die Leute den Film und haben ihn mit einer 4,3 von 5 in die Letterboxd Top 150 katapultiert. Auch in Cannes wurde wurde das Drehbuch ausgezeichnet, das die Geschichte einer Mutter erzählt, die vom Verhalten ihres Sohnes irritiert ist. Sie forscht nach und meint langsam zu entdecken, dass etwas in der Schule vorgefallen sein muss. Doch je mehr sie in die Vorfälle zwischen Eltern, Kinder, Lehrern und Schülern vordringt, umso mehr entfaltet sich das wahre Inferno. Sakura Andō gibt nach »Shoplifters« erneut die Mutter, Ryūichi Sakamoto eine seiner letzten Leinwandkompositionen. Definitiv eines der Highlights diesen Monat.

Für mich ein Highlight, vermutlich weniger für den Rest, wird wohl »Die Missetäter«. Ein 190 Minuten strammer argentinischer Slow-Cinema-Heistfilm. In Cannes war man noch mehr hin und weg als bei Kore-eda, vor allem, weil er so seltsam witzig in seiner Tragikomödie ist. MUBI bringt ihn in die Kinos, vermutlich ein kleiner Start also, aber die hartn JFK-Nerds kommen wohl nicht drum rum. Ich jedenfalls werde mir einen schönen, langen, langsamen Kinoabend gönnen.

Noch ein sperriger Kandidat: Die österreichische Feel-Bad-Cinema-Königin Jessica Hausner ist nach de JFK-Klassiker »Little Joe« zurück mit einer weiteren klinisch kühlen Studie der Menschen. In »Club Zero« gibt Mia Wasikowska (»Alice im Wunderland«, »Only Lovers Left Alive«) einen Ernährungskurs an einer britischen Eliteschule, jedoch mit etwas radikalen Methoden. Denn wer muss schon überhaupt was essen? Hausner entwickelt in ihren präzisen Bildern zwischen den gelbsten aller Sets eine Anatomie der Funktionsweise von Sekten und dringt mit ihrem verschrobenen Humor sowie ihrer chrirurgischen Schärfe tief in das Herz der Finsternis ein. Um die Überlebenden von damals gleich zu entwarnen: Es gibt diesmal richtige Musik, kein Kabuki, kein Hundebellen. Zumindest nicht nur. Denn die Filmmusik hatte ich letztes Jahr sogar für die Musik des Jahres bei den Goldenen Schnecken nominiert.

Ein seichteres Vergnügen wird wohl »Wicked Little Letters«, wenn auch ein pikantes. Im England der 1920er erhält eine erzkonservative Nachbarschaft auf einmal schutzige kleine Briefchen voller Anzüglichkeiten. Ein Skandal! Die Verdächtige: die aufmüpfige rothaarige Irin, der man ja eh noch nie so recht getraut hatte. Aber ist sie wirklich die heimliche Provokateurin? Olivia Colman (»Frau im Dunkeln«, »The Favourite«, »The Father«) und Jessie Buckley (»I’m Thinking of Ending Things«, »Chernobyl«, »Fargo«) dürfen fuchsteufelswild fluchend richtig auf die Kacke hauen, Timothy Spall, Gemma Jones und Eileen Atkins ergänzen das erregte Ensemble. Womöglich etwas albern, zumal in der unerträglich wirkenden deutschen Synchro, aber ich weiß, dass einige Bock haben. Gönnt es euch.

Hoffentlich finden einige dieser Kinoevents wirklich statt. Mit mehr Sicherheit wird es im März aber Filmtagebucheinträge geben durch die Online-Starts, wo wir diesmal auch wieder einige haben. Denn Amazon hat eklatanterweise zwei fette Shadow-Drops gemacht:

Zum einen ist jetzt schon Oscarkandidat »American Fiction« auf Prime streambar. Darin versucht Jeffrey Wright (»Westworld«, »No Time to Die«, »Broken Flowers«) seine Frustration als anspruchsvoller, aber erfolgloser Autor zu lösen, indem er so tut, als wäre er ein schwarzer Autor mit Street-Credibility. Und als schreibender Gangster hat er auf einmal Riesenerfolg. Ein sehr aktuelles Thema über die perfiden Festlegungen von Race in der Literatur sowie die Doppelbödigkeit von White und Black Gaze. Eloquent und politisch gewann die Satire den Publikumspreis in Toronto und vermutlich auch bald einige Genusspunkte.

Gemischter kam in Venedig damals »Ferrari« von Michael Mann an. Das Comeback des Actionmeisters (»Heat«, »Thief«, »Collateral«) legt die energetischen Autorennen im Schoße Italiens neben ein ziemlich tiefgehendes Ehedrama rund um Enzo Ferrari und seine Frau Laura im Schatten ihres jüngst verstorbenen Sohnes. Gerade Penélope Cruz (»Parallele Mütter«, »Fluch der Karibik«, »Der beste Film aller Zeiten«) ist furios in ihrer Bitterkeit, Adam Driver (»Marriage Story«, »Paterson«, »Annette«) ist massiv unter der Sonnenbrille, Shailene Woodley (»Big Little Lies«, »Dumb Money«) charmant am Rande. Trotz hoher handwerklicher Intensität konnte sich die Begeisterung des Rennsports nicht so richtig auf mich übersetzen, wohingegen sich Mann etwas zu sehr mitreißen lässt und so vom Charakterdrama etwas wegschaut. Dennoch ist es ein imposanter Streifen für die große Leinwand. Und nachdem »Le Mans 66« damals das große JFK-Astor-Event war, muss die Tradition hier weitergeführt werden. Wenn auch nur in den privaten Liegesitzen und dem hauseigenen Platzservice.

Viel ruhiger ist dahingehend auf Netflix »Spaceman« mit Adam Driver und Carey Mulligan. Die Ehe der beiden ist genau wie bei den Ferraris etwas angespannt, hier aber nicht wegen Autos und Nebenfrauen, sondern weil Adam für die tschechische Raumfahrt in den Tiefen des Alles verkrochen ist. Langsam fühlt er sich sehr einsam. Bis eine Alienspinne für therapeutische Gespräche auftaucht. Gesprochen von Paul Dano. Kein weltbewegender Film, aber entspannt, akustisch wie visuell sehr spährisch, mit einem tollen Sparks-Song im Abspann.

In dem Sinne verabschiede ich mich auch für diesen Monat mit einer Sparks Zeile, an meine wahre Geliebte, den JFK: My word, she’s from Germany. Well, it’s the same old country, but the people have changed. Jedoch nicht die Liebe zu den Kinos und Luxusburgern. Das sind immerhin die letzten Pfeiler der Demokratie und der Zivilisation wie Baumannconsulting sie vermarktet. My word, Germany
With its splendid castles and fine cuisine.

Ergebendst

Euer JFK-President

By JFK-President (Official)

Best Cinemamaster between Kopenhagen and Kleinwümmede

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