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JFK Adventskalender 2023

Türchen 24

Das Schöne an Weihnachten ist ja, dass es verlässlich jedes Jahr wieder kommt. Und genauso verlässlich wiederkehrend in diesem Kalender ist Alice Rohrwacher. Schließen will ich mit ihrem oscar-nominierten Kurzfilm »Le Pupille«. Diese zauberhafte kleine Weihnachtsfabel entführt uns in ein katholisches Mädcheninternat, wo die kleinen Schülerinnen zwischen Krippenspiel und Kommunion große Augen bei einem großen roten Kuchen machen. Was es mit diesem großen roten Kuchen auf sich hat und wie die kleinen rebellischen Mädchen an ihn ran kommen wollen, das könnt ihr ganz einfach auf DisneyPlus erfahren. Und seht: Ich habe den Kalender mit einem echten Weihnachtsfilm beendet! Ich hoffe, ihr hattet alle Spaß und eine schöne, cinematorische Weihnachtszeit. Schreibt gerne eure schönste Weihnachtsentdeckung in die Kommentare.

Frohe Weihnachten

Euer JFK-President

Das Baumannconsulting-Franchise JFK ist auch anderswo erfolgreich: In ganz Europa gründen sich vom cinematorischen Partissement inspiriert immer mehr JorisHatrechtSchulen, kurz JHS.
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JFK Adventskalender 2023

Türchen 23

Nachdem man das Jahr und auch einen Großteil der Adventszeit in allen Eckend er Landkarte verlebte, zieht es einem zum Fest wieder zurück in die alte Heimat. Für einige Leser dürfte dies der sowieso immer kühle Norden sein. Heiß her geht es aber in einigen Ecken der Hanse-Metropole Hamburg. Dies zeigt auch der herrliche Dokumentarfilm »Heiligabend auf St. Pauli« vom Kamera-Veteranen Klaus Wildenhahn. Für einen Abend taucht er mit uns in den Kneipensuff der späten 60er ein, der auch und gerade am heiligen Abend keine Nüchternheit findet. Dabei entdeckt man aber allerlei Ernüchterndes…

Ein Zeit- und Stimmungsporträt der Bundesrepublik, wie man es nur selten findet, es wohl aber noch immer erschreckend aktuell sein mag. Wer statt Christkind lieber Kippenstopfer und Konjakschwenker mag, der ist hier genau richtig.

Sind das Ihre Eltern? Schauen Sie nochmal genau hin.
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JFK Adventskalender 2023

Türchen 22

Mein Vater hat mich damals, als wir bei unserem Weihnachtstreffen »Explosion des Schweigens« guckten mehrmals mit diesem Blick fragend-genervter Skepsis angeguckt und gestöhnt: “Ein Weihnachtsfilm?”. Doch ein Junger Film Klub e. V. lässt sich von derartigem Genörgel alter weißer Männer nicht beirren. Dieser kaltschnäuzige Hardboiled-Gangsterthriller gibt der Weihnachtsbeleuchtung nicht nur einen stimmungsvollen Noir-Effekt, er spielt rein faktisch an Weihnachten! Sein desilusionierendes Bild eines festlich verkleideten New Yorks spielt sich deswegen so effektiv aus, weil diese Perle des US-Genrekinos ihre Schauplätze wie kaum ein zweiter Film zu nutzen weiß. Zwischen Zuggleisen, muffigen Wohnungen mit Rattengequiek und ranzigen Gassen muss sich ein Auftragskiller aus Cleveland an die Mafia ranmogeln. Doch natürlich ist das nicht so einfach. Und wir bekommen mehr Gelegenheit, die durch das niedrige Budget oportunen Originalschauplätze einzuatmen. Man schmeckt den Frost, den Schneematsch, den überzuckerten Glühwein. Wie der Protagonist selber sagt: “Lose yourself in the Christmas spirit with the rest of the suckers”. Wer noch immer nicht in Stimmung ist und gerne genau wie Martin Scorsese oder Paul Schrader von diesem lange vergessenen Meisterwerk inspiriert werden will, der kann dies hier in akzetabler und angebrachter Qualität tun.

Beweisstück A in Hintergrund: DA IST WIRKLICH WEIHNACHTEN. ICH BIN NICHT PARANOID.
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JFK Adventskalender 2023

Türchen 21

In Ingmar Bergmans »Licht im Winter« steht ein Pastor an seiner Kanzel und predigt. Die Kirche ist aber fast leer. Wie das eben nun einmal so ist, wenn nicht gerade Weihnachten die schlechten Gewissen der Kirchenbuch-Einträge aufweckt. Nur vereinzelte Seelen verirrten sich zum kühlen Stein des Gotteshauses. Eigentlich lohnt es kaum. Draußen bläst der Schnee. Der Pastor zweifelt. Nicht nur am Gottesdienst. Nicht nur an sich selbst. Überhaupt an allem. An den Menschen. An Gott.

Bergman malt hier mit seinem Kameramann Sven Nykvist einen der kältesten Schwarzweiß-Filme, der je die Leinwand erzittert hat. Und das liegt nicht am schwedischen Schnee, der alle Bilder zu erfrieren scheint. Es ist die innerlichste Krise, die ein Individuum durchlaufen kann. Ein Porträt der Depression, des spirituellen Verhungerns. Olivier Assayas baute einmal eine Parallele, die zeigt, wie sehr dieses Thema über das Christliche hinausgeht: Was ist ein Cineast im leeren Kino anderes als der Pastor in der leeren Kirche? Was ist der Filmclubwebsite-Autor für nicht-stattfindende Events anderes? Es geht darum, den Glauben zu bewahren. Auch und gerade zu Weihnachten. Egal ob man der ist, den Baum schmückt, den dann alle vor Switch und ARD-Abendprogramm hinweg ignorieren oder ob man der ist, der nun doch in die leere Kirche zum einsamen Pastor geht. Jemand im Internet hatte die Nächstenliebe, der Gemeinde diese in meinen Augen feinste Predigt des laut Cannes bedeutendsten Regisseurs aller Zeiten zur Verfügung zu stellen.

Ein nicht näher benannter Schreiberling (links kauernd) hat diesen Monat wieder zwölf WhatsApp-Gruppen erstellt, Filmseiten erstellt und Stunden an der Preview geschrieben. Das Letterboxd-Tagebuch seiner Filmgruppe blieb aber auch diesen Monat wieder leer. Lua (rechts im Kleid) versichert dem Jammerlappen beschwichtigend, dass immerhin er beim nächsten vierstündigen argentinischen Experimentalfilm auch wieder spontan dabei sein wird.
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JFK Adventskalender 2023

Türchen 20

Wir kehren vom äußeren Osten zurück, doch musste schon Napoleon merken, dass der Rückzug aus Russland lange dauert. Wir machen einen Zwischenhalt in der Tschechoslowakei, wo der Deutsche aber für die Weihnachtszeit gemeinhin gerne innehält. »Drei Haselnüsse für Aschenbrödel« ist immerhin so etwas wie nationales Kulturgut. Böhmen besetzen hat Tradition. Doch während sich viele Märchenfilme der zensierten Avantgardisten wie dieser halbwegs handhaben lassen, so bleibt František Vláčils »Marketa Lazarova« unzähmbar. Sein Märchen ist etwas grimmiger, da er das Mittelalter ernst nimmt. In den Wirren verfeindeter Burgen wird ein Mädchen entführt, die titelgebende Marketa. Der Raub dieses Kindes wird das Fass zum Überlaufen bringen, doch abseits der tosenden Brutalität sinkt man mit Marketa in die Pelze ein, die den Karren polstern, der sie durch die winterlichen Ebenen reißt. Die bildgewaltigen Panoramen mischen schwarze Kindermärchen mit fiebernden Halluzinationen, malen ein unterm Schnee träumendes Tschechien dessen Wald und wiederum dessen Tiere eine größere Welt als das ach so wilde Treiben der Menschen zu atmen scheinen. Ein Mittelalterepos, das zwischen grauem Realismus und legendenhafter Ekstase schwebt und zu Recht zum besten tschechischen Film aller Zeiten gewählt wurde. Wer mal den düsteren großen Bruder von »Wolfwalkers« sehen will, der braucht diesmal kein AppleTV-Plus, sondern kann dies problemlos hier tun.

Wauwaus warten wehmütig auf ihren Lord Protector. Als sie sich setzten graupelte es noch nur leicht…
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JFK Adventskalender 2023

Türchen 19

Für Türchen 19 reisen wir erneut zu Mütterchen Russland, diesmal aber tief, wirklich wirklich tief in ihren Schoß hinein. »Ein Brief, der nie ankam« erzählt von einer Geologen-Gruppe auf der Suche nach Diamanten im Herzen der sibirischen Taiga. Doch ist die Suche nach den Edelsteinen mühsam. Bald wissen sie nicht mehr nur nicht, wo anfangen, sondern auch nicht, wo sie anfingen. Sie verirren sich in den kargen Weiten von Tümpeln, Bäumen und wehendem Schnee. Vorne und hinten verwirren sich, links und rechts, oben und unten, außen und innen.

Michail Kalatosow hat hiermit ein visuelles Wunderwerk geschaffen, dass sicher zu dem Gewaltigsten gehört, dass je auf Celluloid gebannt wurde. Sergej Urussewskis Kamera scheint das Auge immer weiter aufzureißen, den existentiellen Kampf von Mensch und Natur kaum fassen zu können. Sie hebt ab, schwebt durch Feuer, treibt in den unendlichen Schneenebel. Es ist ein Fiebertraum, durch dessen erbarmungslose Winterverwehungen man mit letzter Kraft wankt, sich müde hinwirft und unter dem Tannenbaum liegen das Funkeln der Kugel und Sterne von unten ganz neu betrachtet. Wenn man sich glücklich in der muckeligen Familienhütte fühlen will, geschützt vom Eiswind und dem die festesten Stiefel durchtränkenden Bodenmatsch, dann schenkt einem dieser Film hier die Wertschätzung dafür. Und die große YouTube-Schatzkiste von Mosfilm schenkt ihn uns.

Der Schienenersatzverkehr hinter Celle ist ausgefallen.
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JFK Adventskalender 2023

Türchen 18

Zwischen all den exzentrischen Geheimtipps braucht es auch echte Weihnachtsklassiker. Das Problem: Sie darf trotzdem niemand aus der Leserschaft kennen. Doch sind die nationalen Mauern selbst zum Nachbarn so stark, dass man einen der größten Weihnachtsaltklassiker Frankreichs hierzulande nicht kennt. Gut, »Mord am Weihnachtsmann« ist aber auch, wie der Titel es schon vermuten lässt, nicht der übliche Feiertagsfamilienfilm. In einer keinen schneeverträumten Gemeinde in Hochsavoyen passieren auch höchst unweihnachtliche Dinge. Geistliche werden niedergeschlagen, Reliquienringe verschwinden und schließlich, man mag es kaum glauben, erwischt es sogar einen alten Bärtigen in rotem Mantel. Was treibt da sein Unwesen in der Winternacht?

Die warmherzige Kriminalkomödie ist zugegebenermaßen eher harmlos und nicht ganz so schwarzhumorig-wild, wie es der Titel vielleicht vermuten lassen könnte. Doch gerade das mag so manchem ja zur Abwechslung besonders wohlig sanft im Magen liegen. Abseits dessen hat der Film aber auch eine besondere historische Relevanz: Im Erscheinungsjahr 1941 war Frankreich noch unter deutscher Besatzung. Seit dem wird immer wieder diskutiert, inwieweit der Film eine subversive Allegorie ist mit seiner terrorisierter Gemeinde. Wer dem auf den Zahn fühlen will oder einfach ein bisschen seichtere Unterhaltung vom Nachbarn genießen möchte, der kann dies auf Amazon Prime tun.

Den französischen Weihnachtsmann Père Noël erkennt vor allem an seiner knubbeligen Wein- und Käsekennernase, die traditionell in knalligem Rudolfrot getragen wird. Auch ein Schnupfen kann dem perfekten Outfit hier helfen.
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JFK Adventskalender 2023

Türchen 17

Als ich diesen Film hier eines Heiligabends sah, kam meine Mutter ins Zimmer, starrte mich verstört an und schloss die Tür wieder. Larissa Shepitkos »The Ascent« ist sicher das Gegenteil eines wohligen Weihnachtsfilms, bei dem man entspannt den After-Eight-Schokonikolaus in den Glühwein tunken kann. Doch mit wenigen Filmen verbinde ich so sehr den sich auf allem absetzenden Schnee, den sich in alles fressende Frost, den alles verschlingenden Winter. Zwei Sowjet-Partisanen stolpern durch das trübe Weiß ihres im Zweiten Weltkrieg versinkenden Landes auf der Suche nach Nahrung, denn der Hunger droht sie ohne Übertreibung umzubringen. Doch kaum noch bei Kräften oder Sinnen treibt es sie immer tiefer in das von den Deutschen besetzte Gebiet. Ihre Odyssee wird zunehmend fiebernder und gerät im dichter und dichter werdenden Schneeweiß in grimmigste Finsternis. Shepitko zeigt in ihrem Magnum Opus, das zu den bedeutendsten, nicht zuletzt weiblichen Einträgen der Filmhistorie gezählt wird, die tiefsten Abgründe des Individuums wie des kollektiven Gedächtnis. Gnadenlos bebildert Shepitko das Aufreiben der Völker am Krieg, sodass einem die Schwärze auf die Knochen sickert. Und doch ist da in allem Albtraummaterial ein spirituelles Rauschen. Ein Rauschen der Wälder, der Äcker, des Schnees. Es mag das Fieber sein, doch saugt einem etwas Überwältigendes in diese unentfliehbare Welt, vor der man eigentlich gerne weglaufen würde. Wer sich also traut, in den tiefsten Winter zu treten, um dem Advent dieses Sonntags mit einem Aufstieg entgegenzutreten, der kann dies hier tun.

Ist die Birke eine Form des darwinistischen Survival of the fittest für den ewigen russischen Winter? Baum-Camouflage?? Planen die Wurzler was???
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JFK Adventskalender 2023

Türchen 16

»Someone to Love – Ein Tag für die Liebe« verbinde ich eigentlich mit einem anderen Feiertag, als ich ihn an einem Valentinstag anfing, dann gekorbt wurde und im Anschluss fertigguckte. Doch Weihnachten ist ja auch das Fest der Liebe und selten ging es so viel um Liebe wie in diesem eigentümliche Stück Film vom leider etwas vergessenen Indie-Künstler Henry Jaglom. Jaglom spielt hier im Wesentlich selbst und lädt in einer Art semipermeablen Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm einen Haufen Leute in ein verlassenes Theater ein, um sie über das zu befragen, was auch viele von uns wohl dieser Tage noch einmal schwerer als sonst umtreibt: Liebe und Einsamkeit. Es ist ein spielerischer Film, eloquent und witzig, aber eben auch nachdenklich und zutiefst das Herz anregend. Und wem ein bisschen kuschlige Kontemplation über die Liebe nicht als Argument für einen Weihnachtsfilm reich, der bekommt Orson Welles als bärtigen Bauch mit Märchenonkelbrille. Den allerletzten Auftritt des Meisters hier könnt ihr auf Amazon Prime bestaunen.

Seit die traditionelle Rute als unmenschlich gebrandmarkt wurde und somit aus der Mode fiel, tradierte alsbald ein neues Strafmittel im Santa-Claus-Business: die Zigarre. Das Audrücken der glühenden Stange auf quäkenden Kinderhänden und Wangen soll die Zöglinge effektiv erziehen, indem sie so von Kindesbeinen negative Assoziationen mit Tabakwaren bekommen.
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JFK Adventskalender 2023

Türchen 15

Jajaja, ich höre sie schreien: Mann Joris, der Adventskalender ist gar nicht weihnachtlich! Nur Kindsmörder, Exorzismen und mediterrane bis tropische Länder. Ist gut, ist gut, hier bekommt ihr euer Weihnachten, zumindest einen kleinen Vorgeschmack. Der heutige Kurzfilm heißt nämlich ganz simpel: »Weihnacht«. Roland Klick, der unterschätzsteste Genrefilmer der Bundesrepublik, hat Anfang der 60er das Weihnachtsfieber einer deutschen Metropole auf Film gebannt. Das wilde Treiben schaut er sich hier aus den unschuldigen Augen eines Kindes an, wodurch alles nur noch größer, noch näher, noch wusliger, noch erstaunlicher wird. Tanzende und klatschende Puppen starren einem ins Gesicht, Schaufenster platzen voll potentieller Geschenke, Tannen ragen in den Himmel als wären sie das Empire State Building. Nicht einmal zehn Minuten braucht Klick, um Weihnachten einmal komplett zu durchstapfen. Dafür braucht es eben die Energie eines Kindes, dessen Begeisterung und Staunen über die Festtage selten so mitreißend festgehalten worden sind wie hier. Klickt rein.

Vielen wächst Weihnachten über den Kopf.